Aufbau kann beginnen
Haiti findet aus der Krise

Lange hat es gedauert bis die Uno Ruhe in die berüchtigste Gegend Haitis gebracht hat: Im Slum Cité Soleil konnten Jugendbanden, einst von Ex-Präsident Aristide als Schlägertrupps benutzt, nach Lust und Laune morden, rauben und vergewaltigen. Nun wurden die schwerbewaffneten Verbände im Häuserkampf bezwungen – und das arme Land sieht die Chance zum Neuaufbau

PORT-AU-PRINCE. Wer Cité Soleil besucht, fährt durch ein befriedetes Kriegsgebiet. Der Weg führt vorbei an Fassaden, übersät mit Einschusslöchern großen Kalibers, an ausgebrannten Autos und ausgeweideten Häusern. Brasilianische Blauhelmsoldaten sichern in weißen Uno-Panzerwagen wichtige Straßenkreuzungen im berüchtigtsten Slum von Haitis Hauptstadt Port-au-Prince. Es sind die Nachwirkungen eines Feldzugs, den die Bewohner von Cité Soleil respektvoll „Guerre“ nennen – Krieg.

Es war ein Guerillakrieg, den sich Blauhelmsoldaten der Uno-Stabilisierungsmission für Haiti („Minustah“) und eine Handvoll schwer bewaffneter Jugendbanden zwischen Ende Dezember und Ende Februar in Cité Soleil lieferten. Mit nächtlichen Luftangriffen aus Hubschraubern und einem Häuserkampf eroberten die Soldaten das brütend heiße Labyrinth aus Wellblech und Elend.

Seit der Flucht von Präsident Jean-Bertrand Aristide am 29. Februar 2004 inmitten eines landesweiten Aufstands war Cité Soleil so etwas wie das Gleichnis von Gewalt und Anarchie in dem Karibikstaat. Aristide hatte die Gangs als politische Schlägertruppe genutzt, und nach seiner Flucht begannen sie zu marodieren.

Cité Soleil, wo 300 000 Menschen auf fünf Quadratkilometern eingepfercht zwischen Hafenanlagen und Flughafen leben, wurde zur No-Go-Area. Eine verbotene Stadt, in der zugedröhnte Kids mit Kalaschnikows nach Belieben mordeten und vergewaltigten, in die sich keine Ordnungsmacht und die Blauhelme erst nur in Schützenpanzern und später gar nicht mehr trauten. Und immer öfter tyrannisierten die Banden von Cité Soleil auch ganz Port-au-Prince.

Zumindest an der Oberfläche ist der Alltag in das vielleicht berüchtigtste Elendsviertel Lateinamerikas zurückgekehrt. Die Einschusslöcher werden verspachtelt und die stinkenden Müllberge am Straßenrand abgetragen. Doch bis zur Normalität ist es noch ein sehr weiter Weg. Denn trotz Befriedung bleibt Cité Soleil eines der ärmsten Viertel in ärmsten Land der westlichen Hemisphäre. In vielen der Hütten leben bis zu zehn Menschen; es gibt keine Toiletten, und die Notdurft wird auf offener Straße verrichtet. 90 Prozent der Menschen sind ohne Arbeit, jeder zehnte Bewohner hat Aids oder ist infiziert. Cité Soleil ist die Blaupause für die Probleme, die Haiti zu einem Stück Afrika in Lateinamerika machen. Dabei liegt das Land nur 1150 Kilometer von Miami entfernt.

Doch nun soll der Slum zum Synonym für Hoffnung in Haiti werden. Die Internationale Gemeinschaft überschlägt sich mit Projekten. Die Europäische Union richtet Straßen her und finanziert Projekte zur Konfliktprävention. Die US-Regierung gibt Geld zum Wohnungsbau, das Internationale Rote Kreuz kümmert sich um die Wasserversorgung, und selbst Venezuelas Staatschef Hugo Chávez hat zehn Mill. Öl-Dollar überwiesen, um 500 Häuser in Cité Soleil zu bauen. Mehr als drei Jahre nach der Flucht von Aristide und dem Beginn der Uno-Mission scheinen erstmals die Bedingungen gegeben, mit dem eigentlichen Wiederaufbau des Landes zu beginnen.

Das hat viel mit Edmond Mulet zu tun. Der guatemaltekische Diplomat, der bis Ende August Chef der Minustah war, verordnete den 8 825 Blauhelmen und Uno-Polizisten mehr Effizienz. Denn lange bemerkten die Haitianer die Anwesenheit der Minustah vor allem daran, dass die weißen Uno-Jeeps abends vor den Bars und Restaurants im bürgerlichen Vorort Pétion-Ville parkten, während die Gangs in der Innenstadt und den Slums entführten, raubten und mordeten. Doch seit Monaten gilt eine Null-Toleranz-Politik.

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