Aufbruch in Frankreich
Alle Lenker nach links

Die Finanzkrise macht es möglich: Der französische Trotzkist Olivier Besancenot gewinnt auch im bürgerlichen Lager viele Anhänger. Staatschef Sarkozy setzt sich mit linken Ideen in Szene. Nur die Sozialisten verpassen den Trend.

PARIS. Die 2000 Klappstühle sind schon lange besetzt. Doch es drängen immer noch Menschen in den Saal. Alle wollen sie an diesem verregneten November-Abend diesen Mann sehen und hören: Olivier Besancenot, den charismatischen jungen Sprecher der linksradikalen Partei LCR. Kaugummikauend, in Jeans und grauem Pulli schaut sich der 34-Jährige das Gerangel an: "Tut mir leid für diese Enge, aber wir haben hier das Meeting ziemlich kurzfristig organisiert", entschuldigt er sich.

Es ist eines der ersten Treffen seiner neuen Antikapitalistischen Partei. Offiziell will Besancenot sie erst Anfang nächsten Jahres gründen und dann seine bisherige Partei, die Revolutionäre Kommunistische Liga, abschaffen. Doch schon Monate vorher wecken seine Pläne überall Aufmerksamkeit und Neugier. Menschen, die sich vorher nicht für Politik interessiert haben, begeistern sich für Besancenot.

"Das System des Kapitalismus ist nicht reformierbar, die aktuelle Krise ist die logische Krise dieses Systems", ruft er in den Saal. "Der Kapitalismus macht Pleite, sollen die Reichen ihre Krise zahlen."

Der Kapitalismus in der Krise, Amerika vor einem Neubeginn und auch Europa in Bewegung - da überrascht es wenig, wenn sich ein Linker in Szene setzt. Schon gar nicht in Frankreich, dem Land, in dem die Menschen schon traditionell der Marktwirtschaft eher skeptisch gegenüberstehen.

Doch Besancenot ist mehr als das. Der Mann ist ein Star, ein Phänomen, das kaum jemand so erwartet hat. Nur wenige Franzosen erklären in Umfragen Sympathien für die radikale Linke, die Besancenot vertritt. Dennoch zählt er zu den populärsten Figuren in der politischen Landschaft. Der Mann ist ein Trotzkist, den auch das bürgerliche Lager mag.

Bei den letzten Präsidentschaftswahlen holte Olivier Besancenot für seine damalige Außenseiterposition beachtliche vier Prozent und errang den vierten Rang. Wären nun Wahlen, würden laut Umfragen 13 Prozent der Franzosen dem Mann ihre Stimme geben, der im Hauptberuf Briefe im Pariser Edelvorort Neuilly sur Seine austrägt.

"Wir erleben durch die Krise eine tiefe Änderung der politischen Grundströmung", sagt Alain Duhamel, einer von Frankreichs bekanntesten Politikbeobachtern. Besancenot profitiert davon. Doch es gibt auch Verlierer - und das ist vor allem Frankreichs Parti Socialiste (PS). "Eine paradoxe Situation", sagt Duhamel.

Eine unbefriedigende Situation für eine Volkspartei, die tief in die Gesellschaft hineinreicht, von der Gewerkschaftsbasis bis in die Wirtschafts- und Beamteneliten. Und das liegt nicht nur an Besancenot, das liegt auch an einem anderen Mann: Staatschef Nicolas Sarkozy.

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