Aufgabe jüdischer Siedlungen
Frist im Gazastreifen ist abgelaufen

Um 23 Uhr MESZ ist für die jüdischen Siedler die Frist zum freiwilligen Verlassen des Gaza-Streifens abgelaufen. Angesichts des gewaltsamen Widerstandes sind bereits am Dienstagabend israelische Soldaten in Newe Dekalim einmarschiert.

HB NEWE DEKALIM. Die Siedlungen in dem Palästinesergebiet stehen vor der Zwangsräumung. Tausende Polizisten und Soldaten sind vor Ort, um die in den insgesamt 21 Siedlungen verbliebenen Israelis notfalls mit Gewalt aus ihren Häusern zu entfernen. Für den Abzug eingesetzte Offiziere erklärten aber, eine Evakuierung solle erst von Mittwochmorgen an voll anlaufen.

Am späten Dienstagabend waren mehr als tausend israelische Soldaten in die jüdische Siedlung Newe Dekalim eingerückt, die eine Hochburg des Widerstandes gegen den Abzug ist. Die Soldaten gingen von Haus zu Haus, um die Siedler zur freiwilligen Aufgabe ihrer Häuser aufzufordern. Jugendliche Demonstranten versuchten, eine Abreise zu verhindern. An mehreren Stellen in der Siedlung waren Barrikaden errichtet.

Wenige Stunden vor Beginn der Zwangsräumung hat nur rund die Hälfte der jüdischen Siedler der Regierung zufolge das Gebiet freiwillig verlassen. Der für den Abzug zuständige Koordinator Eiwal Giladi sagte am Dienstag, die Räumung liege im Zeitplan. „Ich denke, in ein paar Tagen wird kein jüdischer Siedler und kein eingesickerter Unterstützer mehr in Gaza sein“, fügte er hinzu.

Die Armee befürchtet, dass ein harter Kern aus Tausenden von Ultranationalisten auch zur Gewalt bereit ist, um ihre Räumung zu verhindern. Am zweiten Tag des von der Regierung angeordneten Abzugs war es bereits zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Soldaten und Gegnern der Räumung gekommen.

Polizisten wiesen zudem erstmals Unterstützer der rund 8500 Gaza-Siedler nach Israel aus. Bis zu 5000 Abzugsgegner sollen sich in das Gebiet eingeschlichen haben, um den dortigen Widerstand zu stärken. Als erste vollständig geräumte Siedlung im Gaza-Streifen gilt die Siedlung Dugit im Norden des Gebiets. Alle 79 Bewohner der Siedlung hätten die Anlage bereits freiwillig verlassen, bestätigte die Armee am Dienstag.

Andernorts kam es zu dramatischen Szenen, als sich Siedler mit Händen und Füßen gegen ihre Räumung wehrten. Eine Frau warf sich in Newe Dekalim weinend vor einer Planierraupe auf die Straße. „Wo bleibt das jüdische Herz?“, schrie ein junger Mann, als ihn vier Soldaten wegtrugen. Es war die heftigste Gewalt von Seiten der Abzugsgegner, seit am Montag die letzte, 48-stündige Frist für einen freiwillig Abzug anlief.

Mancherorts setzten Siedler aus Protest gegen den erzwungenen Abzug Reifen und Autos in Brand. In der Siedlung Gan-Or steckte ein Mann sein Haus in Brand und zog sich dabei Verletzungen zu, so dass er in einem israelisches Krankenhaus behandelt werden musste.

Ministerpräsident Ariel Scharon hatte das Ende der fast 40-jährigen Besatzung am Vorabend in einer Fernsehansprache noch einmal leidenschaftlich verteidigt. An den Rückzug knüpft sich die Hoffnung auf eine Wiederbelebung des Nahost-Friedensprozesses. Die Palästinenser erhalten mit dem Gaza-Streifen erstmals Land zurück, das sie für einen eigenen Staat beanspruchen.

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