Aufsteiger des Jahres
Obama: Der neue Messias?

Die Wahl des US-Präsidenten stellte alles andere in den Schatten. Dass es ausgerechnet dieser Barack Obama wurde, ist vielleicht die unwahrscheinlichste Geschichte der letzten Jahrzehnte. Die Hoffnungen sind riesig, die Herausforderungen aber auch.

WASHINGTON. Barack Obama war 23 Jahre alt, als er das Weiße Haus zum ersten Mal sah. Das war 1984. Obama kam nach Washington, um zu protestieren. Präsident Ronald Reagan hatte gerade die staatlichen Hilfen für Studenten gekürzt. Und Obama, damals Sozialarbeiter am City College in New York, stand mit einer Gruppe von Studentenführern vor dem Regierungsgebäude an der Washingtoner Pennsylvania Avenue - und hielt eine Petition an den Präsidenten in der Hand. Durch die Stäbe des Gitterzauns nahm er das Weiße Haus zum ersten Mal ins Visier.

Dass nun 25 Jahre später dieser Barack Obama zum 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten vereidigt wird - das ist die vielleicht unwahrscheinlichste Geschichte der letzten Jahrzehnte. Denn weder 1984 noch lange Jahre danach sah es so aus, als würde dieses Märchen tatsächlich wahr werden. Obama galt zwar als talentierter, smarter, zuweilen auch durchaus abgebrühter Politiker, der auf der Karriereleiter immerhin geschickt bis in den Senat emporkletterte. Doch noch vor gut zwei Jahren war der Bekanntheitsgrad des Mannes mit den Eltern aus Kansas und Kenia nicht besonders hoch.

Das galt auch noch für die Zeit nach seiner fulminanten Rede auf dem Parteitag der Demokraten in Boston im Sommer 2004. Die exzellente, nachdenkliche Ansprache verschaffte ihm zwar erstmals landesweit Aufmerksamkeit. Aber für den Spitzenjob des US-Präsidenten galt Obama damals noch als zu jung, zu unerfahren, zu naiv. Außerdem: War die Zeit für einen schwarzen Präsidenten in den USA tatsächlich schon reif?

Mit solchen Zweifeln an seiner Eignung wurde Obama im Sommer 2004 jedoch nicht zum ersten Mal konfrontiert - manches Mal hatten die Zweifel sich in der Vergangenheit sogar bestätigt. Beispielsweise als Obama die Bühne in Chicago zu klein wurde und er weiter nach oben drängte, in die Hauptstadt, nach Washington. Das war 1999. Obama wollte Abgeordneter im US-Repräsentantenhaus werden - und musste seinen Rivalen Bobby Rush aus dem Feld schlagen. Der hatte zuvor das Rennen um das Bürgermeisteramt von Chicago verloren - weshalb Obama sich gute Chancen ausrechnet. Doch Obama verkalkuliert sich. Rush, ehemaliges Mitglied der Black Panther und ein prominenter Politiker der Chicago South Side, gehörten nach wie vor die Stimmen der Schwarzen. Und die wählen ihn und nicht Obama. Rush gewinnt mit einem Vorsprung von 31 Prozent. Für den nach oben strebenden Obama ist das keine Niederlage, sondern eine Katastrophe.

Obama scheiterte grandios, weil er sich überschätzt hatte. Doch was dann folgte, macht eben den Unterschied aus zwischen einem "normalen" Politiker und einer Ausnahmefigur. Der Mann mit dem Geburtsort Honolulu, Hawaii, analysierte peinlich genau seine Fehler - und zog daraus die Konsequenzen.

Ab sofort legte er seine Karriere planmäßig an - und zwar so gründlich, dass er Jahre später keinen noch so großen Namen mehr fürchten muss: weder seine innerparteiliche Konkurrentin Hillary Clinton noch den republikanischen Präsidentschaftsbewerber John McCain. Am Abend des 4. November 2008 wird Barack Obama zum 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. Nicht knapp, sondern klar - von 53 Prozent der amerikanischen Wähler. Mit 365 gegen 173 Wahlmänner.

"Die Niederlage gegen Rush war das Beste, was ihm passieren konnte", sagen viele Leute, die Obama auf seinem Weg nach oben begleitet haben. Denn Obama hat gelernt zu lernen. Der heute 47-Jährige ist zu einem Zuhörer geworden, zu einem, der seine Umgebung zur Kontroverse, zur Auseinandersetzung motiviert. Obama will den Widerstreit der Argumente - insbesondere wenn diese intelligent und schlüssig dargelegt werden. Der ausgebildete Jurist hat Spaß am Diskurs, zumindest solange dieser nicht ins Nirgendwo führt.

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