Ausbau
Prag glaubt an die Kernenergie

Während Deutschland den Ausstieg aus der Kernenergie plant, will Tschechien seine Atomkraftwerke weiter ausbauen. Widerstand gibt es kaum. Denn der Staat unterstützt die Atomkraft.
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TemelinEin kleiner Ort in Südböhmen unweit der tschechischen Grenze zu Deutschland und Österreich sorgt für grenzüberschreitenden Zwist: Temelin. Der staatliche Energiekonzern CEZ betreibt dort sein wichtigstes Atomkraftwerk, zwei Kraftwerksblöcke sind bereits seit mehr als zehn Jahren in Betrieb. Bis zum Jahr 2025 sollen noch zwei weitere Reaktoren dazukommen. Bei den Nachbarn in Deutschland und Österreich stoßen die Erweiterungspläne auf Protest. Umweltgruppen halten den Standort Temelin für unsicher.

In Tschechien gibt es dagegen kaum Widerstand gegen die Erweiterungspläne. Im Gegenteil: Im Unterschied zu Deutschland und Österreich bekommt die Atomkraft Unterstützung aus der obersten Staatsführung. „Der Bau von zwei weiteren Reaktoren ist ein sehr vernünftiger Schritt“, sagte Staatspräsident Vaclav Klaus bei seinem jüngsten Temelin-Besuch im Sommer. Das Atomkraftwerk besitze große Bedeutung für die Stromversorgung Tschechiens, schon heute werden dort 20 Prozent des Strombedarfs gedeckt.

Mit präsidialer Rückenstärkung treibt der Staatskonzern CEZ den Bau der beiden neuen Reaktoren voran. Baukosten von etwa elf Milliarden Euro sind bislang veranschlagt. Voraussichtlich im Jahr 2016 soll mit den Arbeiten begonnen werden. Etwa in einem Jahr will CEZ-Vorstandschef Daniel Benes bekanntgeben, welches Konsortium die beiden Reaktorblöcke bauen darf. Drei Unternehmensgruppen haben im Juli ihre Angebote für die Temelin-Reaktoren abgegeben: Areva (Frankreich), Westinghouse (USA) und das tschechisch-russische Konsortium Skoda-Atomstroyexport.

„Ende nächsten Jahres wollen wir die Verträge unterzeichnet haben“, verkündet Konzernchef Benes. Die Vollendung der beiden neuen Temelin-Reaktoren wäre der größte jemals von CEZ vergebene Bauauftrag – und zugleich das teuerste Bauprojekt in der Geschichte des Landes. Für Benes sind die beiden geplanten neuen Blöcke zwei wichtige Eckpfeiler in der Konzernstrategie, die „eine sichere Energieversorgung für Jahrzehnte“ garantiere.

Staat und Staatskonzern gehen bei der Energieplanung Hand in Hand voran. Die Strategie der Stromversorgung sieht vor, dass der Anteil der Atomenergie am gesamten tschechischen Energieverbrauch von aktuell etwa 30 Prozent bis zum Jahr 2030 auf rund 50 Prozent ansteigen soll. Parallel zum Ausbau der Atomkraft fährt der Staat die Förderung erneuerbarer Energieformen langsam zurück. Möglicherweise wird auch am zweiten tschechischen Atomkraftstandort in Dukovany ein zusätzlicher Reaktorblock gebaut.

In Ergänzung zur staatlichen Energiepolitik und der damit verbundenen Förderung der Atomkraft hat der CEZ-Konzern damit begonnen, den eigenen Kraftwerkspark umzurüsten. Fünf Kohlekraftwerke stehen zum Verkauf. Den Erlös, es könnten mehrere 100 Millionen Euro werden, will der Konzern vor allem in den Ausbau der Kernenergie stecken.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie

Kommentare zu " Ausbau: Prag glaubt an die Kernenergie"

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  • Ich beglückwünsche die tschechische Regierung zu diesem richtigen Schritt. Den Ökochaoten und Öko-Kommunisten muss die Stirn geboten werden. Wir Bürger müssen endlich den Aufstand gegen die Windmühlen- und Sonnenplatten-Abzockmaffia starten.

  • Auch Deutschland hält an der Atomkraft fest.
    Philipp Rösler erklärte, dass der Atomausstieg bis 2022 nur eine innenpolitische Entscheidung sei. Daher werden auch Bürgschaften von der deutschen Bundesregierung übernommen, wenn sie beim Bau von atomaren Anlagen im Ausland notwendig sind. Es ist die besondere Logik von Politikern zu glauben, dass wenn ein Hochtechnologieland wie Japan die Atomkraft nicht meistern kann (Stichwort: menschliches Versagen aus den Gutachten), dies sicherlich in Schwellenländern wie z.B. in Indien inmitten eines Erdbeben- und Tsunamigebiets gelingen wird. Dabei sollte alleine auch deshalb schon eine Ablehnung erfolgen, wenn Atomprojekte wie im Nachbarland Rumänien die „Recommendation on Common Approaches on Environment and Officially Supported Export Credits“ der OECD nicht erfüllen.

  • Offensichtlich gibt es sie vereinzelt doch noch, Politiker mit Verstand.

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