Auslandsperspektiven: „Die Offenbarung Merkel“

Auslandsperspektiven
„Die Offenbarung Merkel“

Angela Merkel hatte einen guten Einstand auf der internationalen Bühne. Für ihr Verhandlungsgeschick beim EU-Gipfel sowie ihre gelungenen Antrittsbesuche in Washington, Moskau und Paris bekam die Kanzlerin viel Beifall. Allerdings: Im Ausland glauben nach fast 100 Tagen große Koalition längst nicht mehr alle an das deutsche „Merkel-Wunder“.

DÜSSELDORF. Vor allem in Washington war man gespannt auf „die Neue“. Die Deutsche Botschaft hatte alle Mühe, die Gäste im großen Saal der Residenz unterzubringen, da jeder die Frau aus nächster Nähe sehen wollten. Bei ihrem ersten USA-Besuch als Kanzlerin gelang Merkel ein kleines politisches Kunststück. US-Präsident George W. Bush nahm sich - anders als bei früheren Treffen mit Gerhard Schröder - viel Zeit. Rund drei Stunden verbrachten "the Cowboy and the Angel" - wie die Washington Post titulierte - miteinander in Gesprächen. Auch das sollte signalisieren, dass die frostigen Zeiten im deutsch-amerikanischen Verhältnis vorüber sind.

Die Kanzlerin setzte bei ihrem Besuch neue Akzente deutscher Außenpolitik - ohne erkennbar Enttäuschung auszulösen oder gar Ablehnung zu provozieren. Bush nahm dankbar Merkels Worte vom „neuen Kapitel“ der freundschaftlichen Beziehungen auf und würdigte ihre „Freiheitsliebe“. „Ein Star ist geboren“ schwärmten die US-Medien in den Folgetagen.

Auch in Moskau wurde der eigene Stil der Kanzlerin erkennbar: Der Schmusekurs, den Schröder mit der russischen Führung um seinen Duz-Freund Wladimir Putin gepflegt hat, ist vorbei. Merkel ließ beim Besuch in Moskau ihre Gastgeber durchaus spüren, dass sie als DDR-Bürgerin einen totalitären Staat erlebt hat und ihr auch im heutigen Russland einiges kritikwürdig erscheint.

Besonders viel Resonanz auf den Start der Kanzlerin gab es in Frankreich. Sie lehrte Präsident Jacques Chirac das Fürchten, weil sie der deutsch-französischen Achse selbstbewusst eine Absage erteilte. Unterdessen verfolgten die Franzosen fasziniert und ein wenig neidisch, wie beim Nachbarn eine Frau auf der Welle des Erfolges schwimmt. „Die Offenbarung Merkel“ titelte das Magazin „Le Point“ zu den ersten 100 Tagen der Kanzlerin und lässt vier Seiten über sie folgen.

100-Tage-Bilanz: Wie schneidet Merkel Kabinett ab?

Mit Murren wurde gleichzeitig zur Kenntnis genommen, dass Merkel die Achse Berlin-Paris nicht so eng sieht wie Chirac und auf EU-Ebene durchaus französische Anliegen bremst. Einen echten Bruch mit Schröders Strategie bedeutete zum Beispiel, dass die Bundesregierung während der EU-Finanzkrise einen mahnenden französisch-polnischen Brief Richtung Blair nicht unterschrieb.

Mit Merkel stieg aber auch die Bewunderung für den Exportweltmeister Deutschland wieder und die Sehnsucht der Franzosen nach neuen Gesichtern an den Schalthebeln der Macht. Die Paris Tageszeitung "Le Monde" schrieb von einem "Merkel-Ton", der stärker an Werten ausgerichtet sei. "Dies erinnert an die starken Worte von Francois Mitterand, der im Kreml den Namen Sacharow aussprach. Gute Vorzeichen für eine diplomatische Haltung, von der sich Frankreich inspirieren lassen könnte."

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