Auslöser: Proteste gegen Terrorprozess
Aufstand in Usbekistan endet blutig

HB BERLIN. Die Unruhen in Usbekistan haben offenbar weit mehr Menschen das Leben gekostet als bisher bekannt. Er habe gesehen, wie etwa 200 Leichen mit Lastwagen abtransportiert worden seien, berichtete der Chef einer Menschenrechtsorganisation, Lutfulo Schamsutdinow, am Samstag aus Andidschan. Die Toten seien zuvor auf dem Platz gesammelt worden, auf dem Regierungstruppen am Freitag das Feuer auf Demonstranten eröffnet hätten.

Trotz der blutigen Niederschlagung der Proteste versammelten sich erneut etwa 1.000 Demonstranten in Andidschan. Sie trugen sechs Leichen, um auf das Blutbad vom Freitagabend hinzuweisen, und verurteilten das Vorgehen der Regierungstruppen. Diese hatten am Vortag ziellos in die Menge geschossen und dabei auch Frauen und Kinder getroffen. Soldaten patrouillierten in der Stadt.

Präsident Islam Karimow machte islamische Extremisten für die Eskalation der Gewalt verantwortlich gemacht. «Sie wollen einen Staatsstreich ausführen und dann einen muslimischen Gottesstaat errichten», erklärte das autoritäre Staatsoberhaupt am Samstag auf einer Pressekonferenz in der Hauptstadt Taschkent.

Die genaue Zahl der Toten blieb zunächst unklar. Laut Augenzeugen luden Soldaten die Leichen Dutzender getöteter Menschen auf Lastwagen und transportierten sie ab. Sie berichteten, Familien seien daran gehindert worden, die Leichen ihrer Angehörigen zu bergen. Eine Frau sagte, bei einer Schule in der Nähe des Platzes, wo Soldaten am Freitag auf tausende Demonstranten schossen, seien «viele, viele Leichen aufgestapelt». Eine AP-Reporterin sah 23 Leichen auf der Straße liegen. Alle seien erschossen worden. Bei einem der Toten sei der Schädel zerschmettert gewesen.

Auslöser der Unruhen im Osten Usbekistans war der Beginn eines Terrorprozesses. Eine Menge stürmte am Freitag das Gefängnis und befreite rund 2.000 Häftlinge, darunter 23 wegen verfassungsfeindlicher Aktivitäten angeklagte Geschäftsleute. Soldaten schossen auf die Demonstranten, deren Zahl auf rund 4.000 angewachsen war.

Den 23 islamischen Geschäftsleuten wird die Mitgliedschaft in der Gruppe Akramija vorgeworfen, der Kontakte zur verbotenen Islamistenpartei Hisb-ut-Tahrir nachgesagt werden. Diese wird für Terroranschläge im vergangenen Jahr mit mehr als 50 Todesopfern verantwortlich gemacht. Die islamische Bewegung in Usbekistan soll Kontakte zum Terrornetzwerk Al Kaida sowie zu den gestürzten Taliban in Afghanistan unterhalten.

Präsident Karimow und andere Spitzenpolitiker reisten am Freitag nach Andidschan im Fergana-Tal. Zugleich betonte die Regierung aber, sie habe die Lage unter Kontrolle. Sicherheitskräfte riegelten die Stadt ab und errichteten Kontrollpunkte an den Ausfallstraßen. Am Abend kehrte Karimow nach amtlichen Angaben nach Taschkent zurück.

Hunderte Menschen flüchteten aus Andidschan. Einige Flüchtlinge hätten Schussverletzungen, teilte ein Sprecher des südkirgisischen Gebietes Dschalal-Abad mit. Etwa 4.000 Usbeken versammelten sich am Samstag an der Grenze zu Kirgisien und baten um Asyl. Ein kirgisischer Grenzbeamter erklärte, man warten derzeit auf eine Entscheidung der Regierung, ob die Usbeken einreisen dürften.

Russlands Präsident Wladimir Putin äußerte seine Besorgnis über eine weitere Verschärfung der Lage in Zentralasien. Putin habe sich am Samstag telefonisch von seinem usbekischen Kollegen Islam Karimow über die Ereignisse im Land informieren lassen, gab der Kreml in Moskau bekannt. Ungeachtet der Berichte, wonach das usbekische Militär am Freitagabend eine große Zahl friedlicher Demonstranten erschoss, hatte Moskau das Vorgehen der usbekischen Staatsmacht gelobt. «Die russische Seite unterstützt in diesen schweren Minuten die Führung des befreundeten Usbekistan», teilte das Außenministerium in Moskau am Freitagabend unmittelbar nach der Eskalation in Andidschan mit.

Die USA haben sich besorgt über die Lage in Usbekistan geäußert. Es sei möglich, dass bei der Erstürmung des Gefängnisses in Andidschan Mitglieder der als terroristisch eingestuften Islamischen Bewegung Usbekistans frei gekommen seien, sagte Außenamtssprecher Richard Boucher am Freitag in Washington. Die USA forderten alle Beteiligten an dem Konflikt in Andidschan auf, Zurückhaltung zu üben. Die USA bedauerten die Gewalt, fügte Boucher hinzu und betonte, dass Washington die Menschenrechtslage in dem mittelasiatischen Staat schon seit längerem kritisch beobachte.

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