Ausschreitungen
G8-Gipfel: Anarchisten kämpfen für Afrika

Die Chaoten in Schottland machen auch vor Unbeteiligten nicht Halt. Schwarz gekleidete Vermummte blockieren Brücken, schlagen Scheiben parkender Autos ein und demolieren die Fenster eines nahe liegenden Schnellrestaurants. Schon bevor der Gipfel der großen Industriestaaten und Russlands (G8) im schottischen Gleneagles gestern Abend begann, wurde er von Gewalt überschattet.

EDINBURGH. Die schottische Polizei geriet schnell in die Defensive: Zunächst sagte sie einen Protestmarsch mit 5 000 Teilnehmern in unmittelbarer Nähe des Versammlungsorts ab. Es seien so viele „gewalttätige Anarchisten“ in der Region, dass er nicht für einen sicheren Verlauf der Demonstration garantieren könne, sagte Polizeichef Peter Wilson.

Die Organisatorin der Kundgebung, Gil Hubbard, warf Gipfel-Gastgeber Tony Blair daraufhin vor, ein demokratisches Grundrecht außer Kraft zu setzen: „Der Premier soll uns sagen, wie er dazu kommt, einen friedlichen Protestmarsch zu verbieten.“ Schließlich knickten die Einsatzkräfte ein und ließen den Protestmarsch doch zu.

Bis gestern Abend hatte die Polizei gut 70 Randalierer festgenommen. Schon am Montag hatten sich Protestierer im Stadtzentrum von Edinburgh, das in der Nähe des Tagungsortes liegt, Straßenschlachten mit der Polizei geliefert. Augenzeugen sprachen von gut geplanten Aktionen. Wenn die Polizei die eine Straße freigeräumt hatte, errichtete einer der kleinen Trupps schon wieder ein Hindernis an anderer Stelle.

Spätestens seit dem Gipfel 2001 in Genua gehören Ausschreitungen zum traurigen Beiwerk der G8-Treffen. Von den einst beinahe geselligen Zusammenkünften früherer Jahre ist nicht mehr viel übrig: In Schottland wurden mehr als 11 000 Polizisten zusammengezogen, der Tagungsort mit einem fast zwei Meter hohen Stahlzaun gesichert.

Ein Grund für die strengen Sicherheitsvorkehrungen ist, dass dieser Gipfel besonders im öffentlichen Fokus steht. Blair hat das Thema Entwicklungshilfe für Afrika ganz oben auf die Agenda gesetzt. Und die Erwartung der Öffentlichkeit, dass die acht Staats- und Regierungschefs nennenswerte Fortschritte erzielen werden, ist nicht zuletzt wegen der von dem Musiker Bob Geldof organisierten Live8-Konzerte groß. Geldof, der bisher als Anhänger der Blair-Regierung galt, mahnte die G8-Politiker vor Gipfelbeginn noch einmal eindringlich, ihre ehrgeizigen Ziele bei der Armutsbekämpfung nicht zu beschneiden.

Bundeskanzler Gerhard Schröder sähe es ohnehin lieber, wenn die G8 ihr Augenmerk nicht nur auf Afrika lenken, sondern auch über den hohen Ölpreis reden würden. Er fordert, die Förderung von Technologien zur Steigerung der Energieeffizienz in die Abschlusserklärung des Gipfels aufzunehmen.

„Das hilft dem Klimaschutz und gleichzeitig der Wirtschaft“, sagte Schröder, bevor er sich mit Bush, Chirac und Co. gestern Abend zum formalen Essen mit Königin Elizabeth II. traf. Allerdings dürfte Schröder für sein Ansinnen kaum Gehör finden – weder bei den übrigen Gipfelteilnehmern noch bei den Demonstranten.

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