Ausschreitungen in Frankreichs Vorstädten
Bürgerwehr gegen Bürgerschreck

Es ist 1.15 Uhr. Drei Nächte hintereinander ist Manuel Aeschlimann schon Streife gefahren, doch er verkündet vergnügt: „Bis drei Uhr drehen wir noch ein paar Runden.“

Der Bürgermeister von Asnières-sur-Seine und Parlamentsabgeordnete der Regierungspartei UMP ist entschlossen, Vorbild zu sein für seine Stadt am Nordrand von Paris.

Deshalb hat er die blau-weiß-rote Amtsschärpe ab- und Rolli und Lederjacke angelegt. Persönlich will Aeschlimann seine Bürger vor Randalieren schützen – denn auch in Asnières sind schon 15 Autos und ein TV-Studio abgebrannt.

Und er will ein politisches Zeichen setzen: Die UMP lässt die Bürger nicht allein, sie sorgt für Ruhe und Ordnung, sogar nachts. Aeschlimanns Gegner stützt die Arme auf den Wohnzimmertisch. An der linken Hand blitzt ein Siegelring. Alain Gallais lugt über den Rand seiner goldenen Brille: „Wir haben es kommen sehen. Wir haben 30 Jahre lang davor gewarnt. Niemand wollte uns zuhören.“

Gallais ist Generalsekretär der rechtsextremen Partei Front National im Département Hauts-de-Seine, in dem Asnières liegt. Chippendale-Möbel, im Glasregal stehen Zinnsoldaten stramm: Gallais’ Wohnzimmer ist so aufgeräumt wie sein Weltbild. Auf der einen Seite stehen die FN und ihr Führer Jean-Marie Le Pen, gegenüber alle anderen, vor allem die UMP und Innenminister Nicolas Sarkozy: „Der ist gescheitert. Wenn er nicht in den nächsten Tagen zurücktritt, ist er politisch tot.“

Während Nacht für Nacht in Frankreichs Vorstädten Autos und Kindergärten brennen und die ratlose Regierung mit Notstandsgesetzen hantiert, tobt in der Innenpolitik ein zweiter erbitterter Kampf: der zwischen der bürgerlichen Regierungspartei UMP von Innenminister Sarkozy und dem rechtsextremen Le Pen und der FN.

Schon heute gehen beide Seiten davon aus, dass die innere Sicherheit die politische Debatte bis zur nächsten Präsidentschaftswahl dominieren wird. Gewählt wird der Nachfolger von Jacques Chirac in 19 Monaten – im Mai 2007. Das verbissene Duell zwischen Konservativen und Rechtsextremen ist Mitursache und Folge der Krawalle zugleich. Sein Ausgang jedoch könnte die politische Tektonik Frankreichs tief greifend verschieben – eine Reise durch ein gesellschaftliches Erdbebengebiet.

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