Aussöhnung mit Bundeswehr-Opfern
Jung zu Truppenbesuch in Kundus

Bei einem Überraschungsbesuch in Kundus hat Verteidigungsminister Franz Josef Jung vor afghanischen Würdenträgern den Tod dreier Zivilisten an einem Kontrollpunkt der Bundeswehr bedauert. Dabei ist dieses Signal zur Versöhnung vielleicht sogar überlebenswichtig für deutsche Soldaten, denn es gilt, Blutrache zu vermeiden.

HB KUNDUS. Jung sprach am Dienstag von einem tragischen Zwischenfall. Die Bundeswehr setze trotz der angespannten Sicherheitslage alles daran, Opfer unter den Zivilisten zu vermeiden, sagte der Minister. Der Gouverneur der Provinz Kundus, Engineer Mohammad Omar, dankte Jung für das Engagement der Deutschen und bat ihn um eine Fortsetzung des Militäreinsatzes. "Wir brauchen diese Hilfe. Sie ist Garant für Stabilität, und wir dürfen uns nicht durch Terroristen einschüchtern lassen", sagte der Gouverneur nach einem Treffen mit Jung im deutschen Feldlager. Lasse man die Extremisten gewähren, greife die Gefahr am Ende auch auf Deutschland über. Er wisse, dass die Soldaten die Frau und zwei Kinder an der Kontrollstelle nicht mit Absicht getötet hätten. Die Staatsanwaltschaft Potsdam teilte am Dienstag mit, es seien Ermittlungen gegen einen Bundeswehr-Soldaten eingeleitet worden. Ihm werde Totschlag vorgeworfen.

Die Aussöhnung mit den Angehörigen der Opfer ist für die Bundeswehr wichtig, um in dem archaischen Land keinen Anlass für eine Blutrache entstehen zu lassen. In Bundeswehrkreisen in Kundus hieß es, es liefen Gespräche über eine finanzielle Entschädigung, eine Zahlung habe jedoch noch nicht stattgefunden. Es gebe lediglich Signale, dass eine solche Entschädigung als Wiedergutmachung akzeptiert werden könne. Omar drückte dem Minister weiter sein großes Bedauern aus über den Tod eines Bundeswehr-Soldaten, der vor knapp einer Woche bei einem Anschlag nahe Kundus getötet worden war. Mit einer Trauerfeier in Zweibrücken hatten Kameraden und Angehörige am Montag von dem 29-Jährigen Abschied genommen.

Im deutschen Feldlager in Kundus war deshalb die Stimmung auch am Dienstag weiter gedrückt. "Letzte Woche ging einem das durch Mark und Bein, wir waren sehr niedergeschlagen", sagte ein 29-jähriger Oberfeldwebel, der gerade von einer Patrouille zur Suche nach weiteren Sprengfallen ins Lager zurückgekehrt war. Das Lager sei klein, praktisch jeder kenne jeden. Er fahre jetzt immer mit gemischten Gefühlen hinaus. Vor einer Woche habe es nur 500 Meter vor seiner eigenen Patrouille eine Explosion gegeben. "Ein kleiner Anteil Angst ist immer mit dabei. Aber wer keine Angst hat, wird unvorsichtig", sagte er. Ein anderer Soldat findet härtere Worte: "Das ist wirklich schon Krieg", sagt er einfach.

Die Zahl der Anschläge im Norden hatte sich in den vergangenen Wochen stark erhöht. Allein die Bundeswehr war seit Jahresbeginn Ziel von fast 30 Attentaten. Der Löwenanteil davon entfiel auf die Unruheregion Kundus, die als Rückzugsgebiet radikal-islamischer Taliban gilt. Kurz vor dem Bundestagsentscheid über die Verlängerung des Einsatzes am Hindukusch wollen die Extremisten mit ihrer Kampagne offenbar die öffentliche Meinung in Deutschland beeinflussen.

Auch Jung bezeichnete die Lage in der Region als sehr angespannt. Selbstmordattentäter auf Motorrädern und Sprengfallen bedrohten die Truppen, sagte er. Die Soldaten an dem Kontrollpunkt hätten vergangene Woche den Auftrag gehabt, weitere Raketenlieferungen in die Gegend zu verhindern. Bei dem verdächtigen Wagen habe es sich um einen Toyota Corolla gehandelt, wie er häufig für Attentate eingesetzt werde. Nach Bundeswehrangaben gab es Warnungen vor einem Autobombenanschlag mit genau diesem Fabrikat.

Zugleich forderte Jung verstärkte Bemühungen beim Aufbau der Polizei, der seit Jahren nur schleppend läuft. Eine bessere Koordinierung der Zuständigkeiten und mehr Unterstützung wären wünschenswert, sagte der Minister.

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