Australisches Exil
Griechen fliehen vor der Krise

Viele Griechen verlassen wegen der Wirtschaftskrise ihre Heimat. Ein beliebtes Ziel ist dabei Australien. Doch der Weg nach Down Under ist nicht einfach, obwohl viele Griechen einen australischen Pass haben.
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MelbourneGyros, Pita und Tsaziki auf dem Tisch – romantische Musik und weißgetünchte Wände: In diesem griechischen Restaurant in Melbourne fühlt man sich an den Urlaub auf Santorini zurück versetzt. Nur George‘s („nenn‘ mich ‚Chorrche‘“) breiter „Aussie“-Slang lässt erahnen, dass er nicht in einem griechischen Bauerndorf geboren wurde, sondern in einem Melbourner Vorort. Mit „hallo ‚Mate‘“, dem typisch australischen Wort für „Kumpel“, begrüßt er seinen Gast.

Mit 300 000 griechisch-stämmigen Einwohnern soll Melbourne außerhalb Athens und Thessalonikis weltweit die größte Ansammlung von Griechen haben. Die ersten Griechen waren sieben Piraten, die von Großbritannien 1829 in die Sträflingskolonie am Ende der Welt verbannt worden waren. Später wurde Australien ein beliebtes Ziel für Auswanderer aus Griechenland. Schätzungsweise 600 000 bis 700 000 Australierinnen und Australier haben griechisches Blut – in zweiter, dritter oder vierter Generation. 2011 lebten knapp 100 000 in Griechenland geborene griechische Staatsbürger in Australien. Die meisten besitzen den Pass beider Länder.

Jetzt stellen griechische Gemeindeverbände einen signifikanten Anstieg der Zahl von Rückkehrern aus Griechenland fest – zwischen 10 000 und 20 000 Menschen seit 2013. Tausende von Australien-Griechen der ersten und zweiten Generation waren in den siebziger, achtziger und neunziger Jahren in ihr Heimatland zurückgekehrt, um in einer Zeit von Hoffnung und Zukunftsglauben Geschäfte aufzubauen. Allein in Athen sollen bis zu 120 000 Australien-Griechen leben.

Immer häufiger erinnern sie sich an den verstaubten australischen Pass in der untersten Schublade des Kleiderschanks. Sie buchen einen Flug nach Downunder. Viele kämen nur mit einem Koffer an, ohne Geld, „und versuchen, wieder anzufangen“, so George Spiliotis, Chef der Melbourner Griechischen Wohlfahrtsgesellschaft gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Trotzdem haben Rückkehrer einen klaren Vorteil gegenüber Neuzuwanderern: Sie können in der Regel auf bestehende Beziehungen zurückgreifen - Familie, Verwandte, Bekannte. Das erleichtert nicht nur die soziale Eingliederung, es hilft vor allem bei der Arbeitssuche.

Wesentlich schwieriger wird es für jüngere Leute, die – deprimiert von den Zukunftsaussichten in der Heimat – auf das Glück in der Ferne hoffen. „Viele meiner Freunde und Verwandten in Griechenland denken darüber nach, nach Australien zu kommen, um zu arbeiten“, sagt Phillip Stamatellis, ein Geschäftsmann aus einer Kleinstadt südlich von Sydney, dem Handelsblatt. „Aber sie realisieren rasch, dass sie sich einer Illusion ergeben: Die hohen Reisekosten und vor allem der Mangel an Sprachkenntnissen stehen im Weg.“

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