Austritt Griechenlands Die Euro-Zone bereitet sich auf den Ernstfall vor

Man kann Griechenland nicht einfach aus der Euro-Zone herauswerfen. Die Entscheidung dafür liegt allein bei dem Krisenstaat. Mit kräftiger Unterstützung könnte der Austritt zwar funktionieren. Doch die Risiken sind hoch.
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Eine griechische Flagge vor dem Parlamentsgebäude in Athen. Quelle: dpa

Eine griechische Flagge vor dem Parlamentsgebäude in Athen.

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Düsseldorf/Athen/London/BrüsselIn Berliner Regierungskreisen wird ein Ausscheiden Griechenlands aus der Euro-Zone in diesen Tagen gerne mit dem Sprung aus einem Hochhaus verglichen. "Vor zwei Jahren wäre dies dem Sprung aus dem 10. Stock gleichgekommen - mit tödlichem Ausgang. Vor einem Jahr wäre es immer noch der 5. Stock gewesen. Jetzt ist es wie der Sprung aus dem 2. Stock - vielleicht ein paar Knochenbrüche, aber nicht tödlich."

Die nüchterne Analyse hat bereits Eingang in politisches Handeln gefunden. In vertraulichen Sitzungen bereitet die Bundesregierung einen Plan B für Griechenland vor: die Rückkehr zur Drachme. "Anders als vor zwei Jahren könnte die Euro-Zone einen Austritt Griechenlands heute eher verkraften", sagte FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle dem Handelsblatt. "Dieser würde viel Geld kosten, wäre aber beherrschbar."

Finanzminister Wolfgang Schäuble hat seine Experten nach Handelsblatt-Informationen bereits ausrechnen lassen, dass ein Griechen-Austritt den deutschen Steuerzahler mit bis zu 80 Milliarden Euro belasten würde. In der Summe sind Abschreibungen auf die Kredite von 32 Milliarden Euro enthalten, die Deutschland Athen bisher gewährt hat. Aber auch zusätzliche Mittel zur Aufstockung des mit 700 Milliarden Euro ausgestatteten permanenten Euro-Rettungsschirms ESM.

Außerdem spielen die Finanzexperten des Bundes Szenarien mit Kapitalverkehrskontrollen durch, da die Griechen bereits begonnen haben, Geld von ihren Konten abzuziehen und ins Ausland zu schaffen. Um eine Liquiditätskrise der Banken zu verhindern, müsste die Regierung scharfe Grenzkontrollen einführen.

Interaktive Infografik

Griechenland: Staatsverschuldung von 2007 bis 2011

in Mrd. Euro


Und die Rechtsexperten suchen nach Wegen, Griechenland die - in den Verträgen eigentlich nicht vorgesehene - Abkehr vom Euro überhaupt zu ermöglichen. Es herrsche weitgehende Einigkeit, dass die übrigen Euro-Staaten dem Mittelmeerland den Austritt aus der Währungsunion nicht verwehren würden, falls Athen formell darum bitten sollte.

Doch noch überwiegen in Hellas die Skeptiker. Ein Euro-Austritt Griechenlands wäre "eine Katastrophe", warnt der frühere Premierminister Kostas Simitis. So sieht es auch die Mehrheit seiner Landsleute: 78 Prozent wollen den Euro behalten, nur 15 Prozent glauben, dass es ihnen mit der Drachme besser ginge. Ganz anders die Deutschen: In einer Umfrage von Infratest dimap für die ARD-Sendung "Günter Jauch" legen zwei von drei Befragten Griechenland nahe, am besten freiwillig den Euro aufzugeben.

Tatsächlich könnten die Griechen ihre Löhne und Pensionen bald in Drachme ausbezahlt bekommen. Denn die Neuwahlen am 17. Juni werden nach Umfragen die Parteien gewinnen, die die als Gegenleistung für die internationalen Hilfskredite gegebenen Spar- und Reformzusagen aufkündigen wollen. Und das könnte der Punkt sein, an dem die Regierungen in Berlin und anderswo und die Europäische Zentralbank (EZB) die Geduld mit den Griechen verlieren.

Furcht vor „nie da gewesener Armut“
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74 Kommentare zu "Austritt Griechenlands: Die Euro-Zone bereitet sich auf den Ernstfall vor"

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  • Also ich weiß nur,das auch die Pasok 2009 noch massiv Wahlgeschenke verteilte und tausende zusätzliche Leute verbeamtete oder wenn nicht möglich pro forma in den öffenlichen Dienst holte,OBWOHL das Land schon kurz vor der Pleite stand.Und als Begründung:"Ja unsere Vorgänger haben das bei ihrem Wahlsieg genauso gemacht.".

  • Wer wird den Ausstieg Griechenlands aus dem EURO vollziehen?

    Ich denke, der Austritt von GRE aus dem Euro scheint unabwendbar. Die erste Frage wird sein, wann das geschehen wird - vor der Wahl am 17. Juni, gleich danach oder nach dem Auftauchen neuer politischer oder öknomischer "Sachzwänge".

    Und die zweite Frage wird sein: Wer wird den Stecker ziehen? Wird es GRE selbst sein? Der IWF mit einem Ausstieg aus dem "Memorandum"? Die EU-Finanzminister bzw. Eurogruppe mit einem "Finito"? Die EU-Kommission (Olli Rehn)?

    Ich gehe davon aus, dass alle Akteure das Szenario jetzt durchspielen. Allerdings werden alle auch mit Hochdruck daran arbeiten, dass das "Narrativ", mit dem dieses Ereignis in der europäischen Geschichtsschreibung verewigt werden soll, die Schuld und Verantwortung für das Scheitern dieses Freiluftexperiments nicht ihnen selbst sondern anderen Akteuren aufbürdet.

    So stehen uns spannende Wochen bevor, in denen wir die Aktivitäten der Akteure werden auch vor diesem Hintergrund beurteilen müssen.

  • Wie sehen kann, die dunklen Wolken sammeln sich über der EU. Die Bibel sagt: "Und [der König des Nordens] wird in sein Land zurückkehren mit einer großen Menge an Haben [1945], und sein Herz wird gegen den heiligen Bund sein [der staatliche Atheismus]. Und er wird handeln [dies bedeutet eine hohe Aktivität in der internationalen Arena] und in sein Land zurückkehren [1991-1993. Zerfall der Sowjetunion und des Warschauer Paktes. Die russischen Truppen kehren zurück in ihr Land]. Zur bestimmten Zeit wird [er] wiederkehren" (Daniel 11:28, 29a). Jetzt kehrt Russland wieder. Das bedeutet auch ein - finanz- und geopolitischen Erdbeben, den Zerfall der Europäischen Union und der NATO. Die russischen Truppen werden in viele Länder des ehemaligen Ostblocks zurückkehren.

  • Hier werden sachliche Meinungen geäußert, die ich allesamt teile. Aber wen wählt das Volk? Es wählt nach Sympathie (z.B. die größte Schuldenmacherin Deutschlands). Das Volk wählt nächstes Jahr sehenden Auges diejenigen, die das Land mit Hilfe von Eurobonds und Transfer-Union noch schneller gegen die Wand fahren, vermutlich wegen "Solidarität" und "sozialer Gerechtigkeit". Die Verstaatlichung der Banken (die veröffentlichte Meinung sorgt schon für das richtige Klima!) und Kapitalverkehrs-kontrollen - wie in den USA - werden den Konkurs von ganz Europa einige, wenige Jahre verzögern. 2010 hat man Griechenland nur deshalb nicht pleite gehen lassen, weil man dem Volk keine 2. Bankenrettung zumuten wollte. Dass das ca 50% billiger gewesen wäre als den jetzigen Zustand ist für einen Politiker, der wiedergewählt werden will, völlig irrelevant.

  • Und was ist mit den Bankeinlagen bzw. Spareinlagen der Deutschen? Die müssen dann dazu herhalten, um die Schulden der Südeuropäer zu bezahlen. Früher oder später wird die EZB zum unbegrenzten Gelddrucken übergehen, um den Euro zu retten. Ein Vorhaben, das aber sowieso misslingen wird, denn soviel Geld lässt sich gar nicht drucken, um Spanien, Portugal, Italien und Frankreich zu retten. Die Folgen werden Hyperinflation, Massenenteignung und Währungsreform sein. Weimar lässt grüßen! Es bleibt bei alledem nur zu hoffen, dass uns wenigstens der 3. Weltkrieg erpart bleibt!

  • Sarrazin scheint als Mensch ein komischer Vogel zu sein, jedoch zählen in unserem ach so akribisch genauen Statistiker-Land-Deutschland nichts als trockene Zahlen um wirtschaftlich vorausschauend planen zu können. Und diese Zahlen kann Sarrazin belegen. Mir ist völlig unklar warum das Publikum beim Herr Steinbrück überhaupt klatscht.. Eines muss man Ihm ja lassen, redegewandt is er ja. Michel Friedmann iset auch und dort kommt meist auch nur heiße Luft raus.. Eines sein jedoch bemerkt: In der Wirtschaft zählen allein die Zahlen...

  • @so_what

    Auch der Kollege Stark, den ich übrigens sehr schätze, wird sich noch wundern, welche "undenkbaren" Kaninchen noch aus dem Zylinder gezaubert werden.

  • Die Schulden wegzuinflationieren ist doch schon beschlossene Sache. Es bedarf nur noch einer Situation, wo der Bürger eine Inflation als das kleinste aller Übel akzeptiert und deshalb wieder die gleichen Politiker wie vorher wählt.

  • Angst vor Euro-Austritt Griechenlands wächst

    Die Angst vor einem Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone ist groß. Die Nervosität in dem Land steigt. So titelte die Athener Sonntagszeitung „Proto Thema“ gestern, die griechische Zentralbank (Bank of Greece) würde heimlich Auslandsüberweisungen verzögern und ein Limit für die täglichen Geldabhebungen der griechischen Bürger planen.
    „Die Bank von Griechenland dementiert kategorisch diese Veröffentlichung“, war die Reaktion am heutigen Montag.


    Reuters berichtete unterdessen am Sonntag, dass die Pharmaindustrie eine Notversorgung der Griechen mit Medikamenten für den Fall vorbereite, dass das Land aus der Euro-Zone austrete. Die Pläne würden vorangetrieben, seitdem feststehe, dass es Mitte Juni Neuwahlen in Griechenland geben werde, berief sich Reuters auf Branchenkreise.

    Zu der Versorgung der Bevölkerung mit Medikamenten bestehe eine moralische Pflicht für die Konzerne mit Zentralen in Europa. Es müsse eine Katastrophe im Gesundheitssektor verhindert werden, sollten Importe für das Land aufgrund einer rapiden Abwertung der wieder eingeführten Drachme zu teuer werden, sagte Simon Friend, Pharmaexperte bei der Wirtschaftsberatung PricewaterhouseCoopers. „Griechenland ist kein großer Markt, die meisten Pharmaunternehmen können sich das also leisten.“

  • Stark: Rückkehr zur D-Mark undenkbar

    Der frühere Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), Jürgen Stark, hält eine Rückkehr Deutschlands zur D-Mark nicht für machbar.
    „Ein Ausstieg Deutschlands aus dem Euro ist undenkbar. Der wirtschaftliche und politische Schaden wäre für Deutschland und Europa irreparabel“, sagte der Ökonom gegenüber der Zeitung „Welt Kompakt“ (Montagausgabe).

    Einen Austritt Griechenlands aus der Gemeinschaftswährung hingegen sieht er nicht so kritisch. Eher im Gegenteil: „Wenn ein Land falsch gewirtschaftet hat und das korrigieren muss, kann es gern Hilfen vom IWF oder von anderen EU-Staaten bekommen – aber bitte außerhalb des Euro-Raums.“ Griechenland um jeden Preis im Euro zu halten, findet Stark „grundfalsch“. Das komme einem „Freifahrtschein für alle“ gleich. Und dieser würde mittelfristig noch teurer.

    Außerdem sieht er die Rolle der Zentralbanken zunehmend in Gefahr. „Wenn wir langfristig stabiles Geld wollen, dann kann es für Notenbanken nicht mehrere Ziele geben.“ Einziges Ziel müsse die Geldwertstabilität sein. Momentan gebe es jedoch die „ungute Tendenz der Notenbanken, mehr Inflation zuzulassen“.

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