Balkan
Protest auf Krücken

Bosnien-Herzegowina muss sparen, wenn es den Bankrott vermeiden will: Ohne einschneidende Sparmaßnahmen will der Internationale Währungsfonds den geplanten Stützungskredit nicht auszahlen. Ohne das Geld ist das Land bis Jahresende zahlungsunfähig, warnen Experten.

SARAJEWO. Zehntausend Männer mit Prothesen, in Rollstühlen oder auf Krücken stürmen auf einen Polizeikordon zu, der das Parlament umschließt. Gummiknüppel schießen drohend in die Höhe, die Menge weicht zurück. Der Sturm der Aufgebrachten endet im Handgemenge. Den Sitzungssaal in Sarajewo, wo die Abgeordneten des ethnisch zerrissenen Staates Bosnien-Herzegowina über ein Sparpaket gegen die Wirtschaftskrise beraten, erreichen die wütenden Männer nicht. Aber Erfolg haben sie: Die Volksvertreter streichen die geplanten Kürzungen bei den Renten für Kriegsinvalide.

Doch der Triumph könnte sehr schnell zum Pyrrhussieg werden: Denn wenn die Regierung des jungen Staates keine einschneidenden Sparmaßnahmen beschließt, ist der Internationale Währungsfonds (IWF) nicht bereit, den geplanten Stützungskredit in Höhe von 1,2 Mrd. Euro für drei Jahre auszuzahlen. Und falls das Geld aus Washington nicht fließe, könne es zum Staatsbankrott kommen, warnte die Südosteuropa-Direktorin der Weltbank, Jane Armitage, am Wochenende. Bis Jahresende sei das Land dann zahlungsunfähig.

Aber Kriegsversehrte gibt es in Bosnien eben sehr viele: 40 Prozent des Budgets der bosniakisch-kroatischen Teilrepublik gehen laut Weltbank derzeit für Sozialtransfers drauf, ein Löwenanteil für Kriegsopfer. Denn der Krieg der serbischen Bosnier gegen moslemische Bosniaken und Kroaten von 1992 bis 1995 war mit mehr als 200 000 Toten und gut zwei Millionen Flüchtlingen das schlimmste Gemetzel seit dem Zweiten Weltkrieg in Europa.

Die Fernsehbilder von der Demonstration in Sarajewo flimmern auch über den Bildschirm von Milorad Dodik im fast 200 Kilometer entfernten Banja Luka. Der Regierungschef der serbisch-bosnischen Teilrepublik Republika Srpska kann nur schlecht verhehlen, dass er sich über das Chaos in der Hauptstadt freut. Denn es bringt den aus der serbisch-bosnischen Teilrepublik und der bosnisch-kroatischen Union bestehenden Zentralstaat ins Wanken - und den will der Serben-Führer ohnehin nicht. Offiziell muss Dodik zwar versichern, dass er die Eigenständigkeit der Republika Srpska nicht will. Doch fügt er vielsagend hinzu: "Aber wenn wir ein Referendum machen würden, stimmte die Mehrheit wohl für die Loslösung von Bosnien-Herzegowina."

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