Baltikum
Toter bei gewalttätigen Protesten in Estland

Die ohnehin nicht sonderlich guten Beziehungen zwischen den baltischen Staaten und Russland werden auf eine erste Belastungsprobe gestellt: In der estnischen Hauptstadt Tallinn ist es nach dem Abbau eines Soldaten-Denkmals zu Ehren der Sowjetarmee zu massiven Ausschreitungen gekommen, bei denen ein Mensch ums Leben kam. Aus Msokau kommen nun scharfe Töne.

HB TALLINN/MOSKAU. Russland werde ohne Hysterie, aber mit ernsten Schritten auf den inhumanen Akt der estnischen Regierung reagieren, kündigte der russische Außenminister Sergei Lawrow an. „Ich denke, das ist Blasphemie“, sagte er. Der stellvertretende russische Ministerpräsident Sergej Iwanow forderte Wirtschaftssanktionen gegen Estland. Der russische Senat forderte in einer nicht bindenden Resolution den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Estland. „Wir haben die Verhöhnung der Toten und des Siegs im Zweiten Weltkrieg satt“, sagte der Präsident des Föderationsrats, Sergei Mironow. Die Regierungsmitglieder des Nachbarlandes seien „provinzielle Neonazis“.

Im Schutz der Dunkelheit hatte die estnische Regierung am frühen Freitagmorgen den „Bronzenen Soldaten“ aus dem Zentrum der Hauptstadt Tallinn entfernen lassen. Russland und die russische Minderheit in Estland kritisieren den Schritt als Entehrung der sowjetischen Soldaten, die die deutsche Wehrmacht aus Estland vertrieben haben. Viele Esten erinnert das Denkmal aus dem Jahr 1947 dagegen an die Besetzung durch die Sowjetunion. Fast ein Drittel der 1,3 Millionen Einwohner Estlands sind Russen.

Läden geplündert

Die Ausschreitungen zwischen den rund 1 500 Demonstranten und der Polizei begannen bereits am Vorabend nach zunächst friedlichen Protesten gegen die geplante Demontage. Als die Beamten begannen, den Platz in der Hauptstadt zu räumen, flogen Steine und Flaschen. Fenster des nahe gelegenen Büros der Reformpartei von Ministerpräsident Andrus Ansip wurden eingeworfen. Einige Demonstranten plünderten mehrere Geschäfte in der Umgebung, andere beschädigten mutwillig Läden.

Bei dem Toten handelt es sich um einen 19 Jahre alten Jugendlichen, der erstochen wurde. Zum Hergang und zum Täter liegen noch keine Angaben vor. Zwölf Polizisten und 44 Demonstranten wurden verletzt. Die Beamten nahmen 300 mutmaßliche Randalierer fest.

Polizei: Krawalle haben nichts mehr mit dem Denkmal zu tun

Die Polizei konnte die Situation erst gegen 3.00 Uhr unter Kontrolle bringen. „So etwas hat es noch nie gegeben“, sagte Polizeisprecher Taavi Kullerkupp. Seine Kollegin Tuuli Harson sagte, die vorwiegend jugendlichen Demonstranten hätten im gesamten Stadtzentrum Verwüstungen angerichtet. Die meisten Randalierer seien sehr jung und betrunken gewesen. Die Ausschreitungen hätten nichts mehr mit dem Kriegerdenkmal zu tun, betonte Harson.

Die estnische Regierung will zudem ein in der Nähe des Denkmals vermutetes Grab von 14 sowjetischen Soldaten verlegen. Die Exhumierung der Toten hat bislang aber nicht begonnen. Die Behörden rechnen während der auf zwei Wochen angelegten Arbeiten mit weiteren Protesten.

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