Bangladesch
Ein Land kämpft gegen das Vergessen

Allein aus Deutschland flossen schon zwei Milliarden Euro Entwicklungshilfe nach Bangladesch - trotzdem immer noch eines der ärmsten Länder der Welt. Jetzt kommen auch noch Finanzkrise und Klimawandel dazu.
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DhakaFür einen Juni-Tag hat es nicht viel geregnet an diesem Morgen in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch. Anderthalb Stunden vielleicht. Aber das hat zu Beginn der Monsun-Monate gereicht, um die Wege im Slum von Korail wieder in übelsten braunen Morast zu verwandeln. Trotzdem nicht schlimm, auch für Besucher nicht. Vor allem, wenn man bedenkt, dass zwischen den Wellblech-Baracken das Wasser bald wieder bis zu den Knien reichen wird. Die Million Menschen, die hier wohnt, ist daran gewöhnt. Deutschlands Außenminister hat sich dennoch entschieden, auf einen Fußmarsch zu verzichten. Guido Westerwelle wird mit dem Kahn über den Korail Zil geschippert, den zum Slum gehörenden Fluss. Nicht nur, weil es schneller geht. Auch den Sicherheitsleuten war das lieber so. Das Fünf-Sterne-Hotel, in dem Westerwelle logiert, ist gleich gegenüber. In der Mega-City Dhaka mit ihren 15 Millionen Einwohnern liegen Arm und Reich manchmal ziemlich nah beisammen.

Nun ist das mit Politikerbesuchen in Elendsvierteln immer so eine Sache. Natürlich schadet es keineswegs, wenn ein Minister einen unmittelbaren Eindruck davon bekommt, wie es abseits der feinen Hotels und Regierungsgebäude, wo die politischen Gespräche geführt werden, tatsächlich aussieht. Aber zum „Slum-Tourismus“ mit bunten Bildern aus dem Elend ist es nicht weit. Westerwelle macht so etwas eher selten - und wenn, dann kurz. Eine halbe Stunde dauert sein Aufenthalt in der „Glory Future School“, der „Schule zur Glorreichen Zukunft“, die dazu tagelang aufgehübscht wurde. Angeschlossen ist eine Medizinstation, wo derzeit zwei junge Ärztinnen aus Deutschland Entwicklungshilfe leisten. Bei Anja Gebauer sitzt eine sehr ausgezehrte Frau, die gerade noch 27 Kilo wiegt. 49 ist sie. Ein Jahr jünger als Westerwelle. Sie sieht Jahrzehnte älter aus.

„Die hygienischen Verhältnisse hier sind katastrophal“, berichtet Gebauer, eigentlich Radiologin aus Bonn. „Da holt man sich schnell alle möglichen Krankheiten, bis hin zur Tuberkulose.“ Wenn Monsun ist - wie noch bis Ende August - und das Wasser nicht mehr weichen will, wird es besonders arg. Bevor Westerwelle in den Kahn steigt, der ihn zurück ins Hotel bringt, lässt er sich von seinem Büroleiter die Hände vorsichtshalber mit Desinfektionsmittel einsprühen. Dabei gibt es Regionen in Bangladesch, in denen es viel schlimmer zugeht. Etwa 165 Million Menschen leben hier, doppelt so viel wie in der Bundesrepublik, auf einer Fläche nicht einmal halb so groß. Seit der Unabhängigkeit 1971 gehört das muslimische südasiatische Land zu den ärmsten Staaten der Welt. Fast ein Drittel der Bevölkerung muss am Tag mit weniger als einem Euro auskommen.

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  • Bangladesh hat ein Problem. Das Problem ist die Übervölkerung. Lebten vor 100 Jahren gerade mal ca. 20 Mio. dort, so sind es heute ca. 140 Mio.

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