Bankenkrise in Großbritannien
Brown holt Erzfeind Mandelson ins Kabinett

Mit der Berufung seines Erzfeindes Peter Mandelson in die Regierung macht der britische Premier Gordon Brown sein Kabinett zum Krisenstab - zum Kampf gegen die globale Bankenkrise und seine eigene politische Misere.

LONDON. Brown selbst begründete die Ernennung des bisherigen EU-Kommissars Mandelson zum Wirtschaftsminister mit dem "nationalen Interesse". Mit dem erfahrenen Mandelson stärkt Brown zu allererst sein Wirtschaftsteam. Vieles deutet darauf hin, dass Großbritannien die bisherige "Notpflaster"-Strategie in der Bankenkrise durch einen entschlossenen chirurgischen Eingriffs ersetzen will. Schatzkanzler Alistair Darling sprach denn auch von "ziemlich großen Schritten, die man normalerweise nicht tun würde". Brown bildete einen 18-köpfigen Finanzkrisenrat, der sich zweimal wöchentlich treffen soll. In der vergangenen Woche gab es pausenlos Beratungen mit dem Chef der Bank of England, den Chefs der großen Banken und den Finanzsprechern der Opposition.

Spekuliert wird über eine "Kredit-Müllhalde" nach US-Vorbild, für die mindestens 100 Mrd. Pfund bereitgestellt werden könnten. Auch die Rufe nach einer dramatischen Zinssenkung werden lauter. Der Finanzsprecher der Liberaldemokraten, Vince Cable, forderte einen radikalen Zinsschritt von zwei Prozentpunkten.

Mandelson, der nun in sein altes Amt als Handelsminister zurückkehrt, schloss trotz der Ergebnisse des Pariser Krisengipfels eine europäische Großaktion nicht aus: "Wir dürfen keine Option ausschließen." Er warnte ausdrücklich vor einer Rückkehr des Wirtschaftsnationalismus in Europa, bei dem jedes Land seine eigene "Du kommst aus dem Gefängnis frei"-Karte spiele.

Mandelsons Berufung ist aber auch ein hochriskanter Befreiungsschlag des belagerten Brown. Seit Monaten weht dem Regierungschef aus der eigenen Partei kalter Wind entgegen. Nun hat er mit einem Schlag die Kritiker vom "New-Labour"-Flügel eingebunden. Berichten zufolge musste er handeln, um einen Massenrücktritt von fünf Ministern zu verhindern.

Die Hoffnungen der Labour-Linken auf ein klares Abrücken Browns vom "New-Labour-Kurs, die der Premier immer schürte, aber nie erfüllte, sind zunichte. "Nun müssen wir uns noch mehr Geschwätz über Globalisierung anhören", klagte der wütende Hinterbänkler Ian Gibson. Schon lange ist der Linken Mandelsons Nähe zu Unternehmen und sein konsequentes Eintreten für freien Handel und den Abbau von Schranken ein Dorn im Auge. Brown hat mit der Ernennung aber auch der Schar der Möchtegern-Nachfolger im Kabinett einen Verweis erteilt. Einer von ihnen, Schulminister Ed Balls - Browns langjähriger Vertrauter im Schatzamt - konnte seinen Groll kaum verhehlen. Er sprach von einer "riskanten Entscheidung".

Fast am meisten steht aber die britische Presse unter Schock. Sie verfolgt Mandelson seit Jahren mit inniger Hassliebe. Der ehemalige Meister des Spin wurde bereits zweimal von den Medien aus einem Kabinettsposten gejagt. Nach seinem zweiten Rücktritt wegen der Gewährung der britischen Staatsbürgerschaft für den indischen Milliardär Srichand Hinduja wurde Mandelson von einer Untersuchungskommission völlig rehabilitiert.

Die Sonntagspresse war sich weitgehend einig, dass Browns Meisterstreich böse enden wird. Während Mandelson beteuerte, er habe immer zur Labour-Familie gehört und in harten Zeiten "rückt eine Familie zusammen", malten Zeitungen aus, wie Mandelson erst jüngst beim Dinner mit Tory-Schattenschatzkanzler George Osborne über Browns Unfähigkeit hergezogen sei. "Brown hat sich einen Piranha ins Boot geholt. Die Frage ist nun, wen wird der essen?", schrieb der Kommentator des "Spectators".

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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