Banker in London
Die verräterische Bügelfalte

Die angeblichen Straßenschlachten beim G20-Gipfel entpuppen sich bei genauerer Betrachtung als harmlos friedliche Protestaktionen und Verbal-Attacken.

LONDON. Sie haben sich alle Mühe gegeben. Sie haben ihren Kleiderschrank durchforstet und in den vergangenen Tagen etwas länger damit zugebracht, zu überlegen: „Was ziehe ich heute bloß an?“ Schließlich haben sie ihre dunklen Anzüge gegen Jeanshosen getauscht und ihre weißen, gestärkten Hemden gegen ausgeleierte T-Shirts.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal mein Metallica-T-Shirt am Arbeitsplatz tragen würde“, erzählt ein Aktienhändler. Es ist Donnerstagvormittag. Er steht mitten in der Londoner City, dem traditionellen Bankenviertel der britischen Hauptstadt, und staunt fast ein wenig über sich selbst. Einer seiner Kollegen trägt an diesem Tag ein blaues Sweatshirt mit dem Emblem des Oxford-College, und bei einem anderen spannt ein T-Shirt seines Fußballvereins, des FC Chelsea, über den Bauch.

Doch es nützt alles nichts. Am Ende sieht jedermann: Das sind nur Bankmitarbeiter in Verkleidung. „Die Kollegen waren alle sofort zu erkennen“, mokiert sich eine Bankmitarbeiterin. „Wer trägt schon eine Jeans mit Bügelfalte oder einen Aktenkoffer zu einem schlabbrigen, verfilzten Wollpullover?“

Es muss schon einiges passieren, dass Banker nicht im klassischen Anzug zur Arbeit erscheinen, auf ihre Krawatte verzichten und auf Manschettenknöpfe. Mittwoch und Donnerstag dieser Woche waren solche Tage, als Demonstranten durch Londons Straßen zogen und während des G20-Gipfels gegen Klimawandel und Arbeitslosigkeit, gegen Kriege und Kapitalismus protestierten.

Viele Banken hatten ihre Angestellten daher aufgefordert, von zu Hause aus zu arbeiten. Die, die dennoch ins Büro kommen wollten, sollten sich salopp anziehen und sich nicht als Bankmitarbeiter zu erkennen geben.

Das klappt zwar nicht ganz, stellt sich aber ohnehin als unnötige Vorsichtsmaßnahme heraus. „Das alles ist viel harmloser, als wir gedacht haben“, erzählt ein junger Aktienhändler einer deutschen Bank. Die von den Demonstranten angekündigte Revolution, sie ist ausgeblieben.

Er habe keine Probleme gehabt, in die City zu kommen, sagt der Mann. Und er habe auch jetzt keine Angst, auf die Straße zu gehen und sich im nächsten Supermarkt ein Sandwich zu besorgen.

Einige Meter von ihm entfernt, im Schatten der London Stock Exchange, steht eine kleine Gruppe Demonstranten herum. Sie tragen Zylinderhüte und haben ein überdimensioniertes Monopoly-Spiel auf der Straße aufgebaut: „Dies ist eine Parodie dessen, was in diesem Gebäude vor sich geht. Die finanzielle Elite ist im Besitz des Spielbretts, und die Armen werden immer ärmer“, sagt Clare Smith, 27 Jahre alt, Anthropologiestudentin aus Bristol.

Ihr Protest bleibt friedlich. Genauso wie die gestrige Versammlung von etwa 200 Menschen vor dem Tagungszentrum im Londoner Osten, in dem die Staats- und Regierungschefs über Finanzmarktreformen debattieren.

Die Polizei räumt am Nachmittag allerdings zwei besetzte Häuser im Osten der Stadt. Sie vermutet dort gewaltbereite Aktivisten und ihre Rädelsführer.

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