Bao Tong
Ex-Parteiführer: „Ich habe große Sorge um China“

Bao Tong, der wichtigste Dissident Chinas, gehört zu den starken Reformkräften und trat stets für eine weitere Öffnung des Landes ein. Der 76jährige saß sieben Jahre in Isolationshaft und steht seit seiner Entlassung vor 13 Jahren unter Hausarrest. Im Interview mit dem Handelsblatt geht mit seiner Regierung hart ins Gericht.

Kurz vor dem 20. Jahrestag des Massakers auf dem Tiananmen-Platz in Peking sind von ihrem politischen Weggefährten, dem damaligen Parteichef Zhao Ziyang, bislang geheime Memoiren veröffentlich worden. Die 30 Tonbänder für die Abschrift waren zuvor angeblich in ihrem Besitz, stimmt das?

Ja, das ist richtig. Als ich das Material von drei früheren Ministern bekommen habe, habe ich sofort entschieden, dass dies veröffentlich werden muss. Es war der Wille von Zhao Ziyang die wahre Natur der KP Chinas zu zeigen.

In China wird das Buch sicher nicht erscheinen. Sehen Sie 20 Jahre nach Tiananmen überhaupt eine Chance, dass die Ereignisse in China aufgearbeitet werden können?

Viele Chinesen glauben, dass es einer neuen Beurteilung bedarf und dass es nicht richtig war, die Armee auf einfache Bürger schießen zu lassen. Darüber muss eine offene Diskussion möglich sein, dann kann ja jeder seine Wahrheit erzählen. Und wenn es die Wahrheit der Regierung ist, dass bei Tiananmen niemand umgekommen ist, wie es vor einigen Jahren unser Verteidigungsminister gesagt hat, dann sollen sie das so wiederholen. Wenn das stimmt, muss die Regierung auch keine Diskussion fürchten. Aber dann sollen sie doch das Volk die Meinung sagen lassen und ihm nicht den Mund verbieten.

Warum herrscht dann das große Verdrängen in China?

Anderswo auf der Welt kann man die Wahrheit sicher nicht so lange verschweigen, nur in China ist das möglich. Nach 1989 wollte die Regierung zunächst, dass alle Chinesen lautstark abschwören, dass sie die Studenten kritisieren und die Regierung unterstützen. Das hat etwa ein gutes Jahr gedauert. Dann haben sie gemerkt, dass es nicht funktioniert. Denn das hat bei der einfachen Bevölkerung großen Widerwillen und Widerstand hervorgerufen. Selbst im inneren Zirkel der Partei erntete diese Politik Kritik, also haben sie damit aufgehört. Von da an durfte nicht mehr über Tiananmen gesprochen werden. Die Hoffnung der Regierung ist, dass die Leute auf der Straße Tiananmen einfach vergessen.

Und haben die Chinesen Tiananmen vergessen?

Im Volk gibt es einen großen Teil, der nichts vergessen hat. Natürlich gibt es auch einen Teil, bei dem die Gehirnwäsche großen Erfolg hat. Viele Jüngere wissen überhaupt nichts von den Ereignissen. Ein weiterer Teil will sich nicht mehr mit dem 4. Juni auseinandersetzen. Sie haben von den Veränderungen profitiert und wollen das nicht verlieren. Sie finden darum auch die Unterdrückung des Volkes richtig.

Wird aber nicht daheim am Küchentisch das Thema diskutiert, so wie einst in Deutschland die nationalsozialistische Vergangenheit?

Unsere Gesellschaft ist anders. Als Deutschland sich von Hitler befreite, hat man sich gleich vom ganzen System distanziert. In China hat man sich aber trotz der Kritik an Mao Zedong und dem Schrecken der Kulturrevolution keineswegs vom System Mao verabschiedet. Es wurde höchstens die äußere Haut des Systems abgestreift, die Politik hat aber hundertprozentig Maos Kurs übernommen, sogar noch weiterentwickelt. Nur in der Wirtschaft gab es Reformen und eine Öffnung. Das hat bei vielen den Eindruck erweckt, Maos Ideen seien nicht mehr existent. Aber das stimmt nicht.

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