Barack Obama
Der entrückte Präsident

Barack Obama hat die Verbindung zu seinen Wählern verloren – weil er distanziert blieb und den Kampf um die US-Wirtschaft zu lange anderen überließ. Jetzt kommt es darauf an, was Obama aus der kräftigen Niederlage, die seine Partei am Dienstag kassieren wird, macht.
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WASHINGTON. Fast 18 Monate hat Barack Obama nach seinem Amtsantritt gebraucht, um den republikanischen Mehrheitsführer im US-Senat, Mitch McConnell, zum Vier-Augen-Gespräch ins Weiße Haus einzuladen. 18 Monate, in denen der US-Präsident dachte, dass es Besseres zu tun gäbe, als zu einem der wichtigsten Gegenspieler ein persönliches Verhältnis zu entwickeln. Als sie sich schließlich sahen, war es Anfang August 2010, drei Monate vor den Kongresswahlen. Da mag Obama bereits geahnt haben, was am Dienstag auf ihn zukommen könnte: Eine Niederlage seiner Demokraten und ein von den Republikanern geführter Kongress.

Tatsächlich deuten alle Umfragen darauf hin, dass die Demokraten nach vier Jahren ihre Mehrheit im Repräsentantenhaus verlieren und im Senat nur knapp verteidigen können. Obama rief seine Anhänger auf, wählen zu gehen, um einen Sieg der Republikaner abzuwehren: „Es wird sehr knapp werden. Die andere Seite ist hoch mobilisiert.“ Tatsächlich haben die Demokraten in fast allen Bevölkerungsgruppen, die Obama vor zwei Jahren ins Weiße Haus trugen, heftig an Rückhalt verloren. Eine der Hauptursachen liegt im Regierungsstil des Staatschefs. Zwar ist der 44. Präsident der USA selbst nach Einschätzung seiner Gegner einer der smartesten Politiker, die je im Weißen Haus residierten. Doch der intellektuelle Salon, den Obama dort führt, erweist sich zunehmend als Hürde.

Zu viel Intellekt, zu wenig Emotion

Der Präsident kann oder mag seine Zeit nicht darauf verwenden, eine persönliche Ebene mit Widersachern wie Mitch McConnell zu entwickeln. Doch selbst zu seinen eigenen Beratern fehlt ihm der kurze Draht: Mit ihnen verbindet Obama ein gemeinsames politisches Ziel, nicht aber Vertrautheit. Es gebe nur eine Person, die Barack wirklich kenne, heißt es: Michelle Obama.

Es ist deshalb kein Zufall, dass die Demokraten in den letzten Wahlkampfwochen Bill Clinton ins Rennen schickten – weil der beherrscht, was Obama nicht kann. Unermüdlich war der Ex-Präsident unterwegs, um die emotionale Lücke zu füllen, die Obama hinterlässt. Bei Clinton sitzt nicht jedes Wort, ist nicht jede Geste kalkuliert. Aber dafür wirkt er erdverbunden. Wenn Clinton über die Wirtschaft redet, über die Arbeitslosigkeit, die Misere, wenn jemand gerade sein Haus durch Zwangsversteigerung verloren hat, dann klingt es so, als ob man ihm glauben könne.

Es ist die Wiederholung seines berühmten Satzes „I feel your pain“ („Ich spüre deinen Schmerz“), mit dem er im Wahlkampf 1992 George Bush Senior meilenweit abhängte. Clinton nimmt man dieses Bekenntnis auch Jahre später ab. Obama wäre für solches Menscheln viel zu kompliziert. Und man würde es ihm wohl auch nicht glauben.

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Kommentare zu " Barack Obama: Der entrückte Präsident"

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  • Recht so, President Obama! Ein Präsident ist ja wohl nicht dazu da, Wohlgefühl zu verbreiten, mitzuleiden oder emotionale Lücken zwischen ihm und den bürgern zu vermeiden.

    Ein präsident sollte Lösungen finden und durchsetzen. Dafür ist er da. Und das Wohlfühl-Gedöns ist Mittel zum Zweck der Durchsetzung - nicht mehr und nicht weniger.

    Ohne intelligente Lösungen nützt der empathischste President mit dem besten Netzwerk nichts. Umgekehrt ist ein Präsident mit guten Konzepten, aber ohne Durchschlagskraft auchnicht viel Wert.

    Mir wäre ein smarter Obama aber trotzdem nochtausendmal lieber eine als eine Mutti-Merkel, ein Dampfplauder-Gabriel oder ein Populismo-Seehofer.

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