Barack Obama
Obamas großes Versprechen

Mit seiner Rede in Kairo verfolgt Barack Obama ein historisches Ziel: die Muslime der Welt mit Amerika zu versöhnen. Es ist kein Zufall, dass er sich für diese wichtige Amtshandlung auf einer heiklen Mission die Universität der ägyptischen Hauptstadt ausgesucht hat. Hier spiegelt sich Ägyptens Geschichte ebenso wie die jahrzehntelange Angstspirale zwischen Muslimen und dem Westen.

KAIRO. Der Ort, an dem Samia Mehrez sich noch traut, sich zu offenbaren, ihr pechschwarzes Haar offen zu tragen, liegt hoch über den Dächern Kairos. 14. Stock, Dachterrasse, atemberaubender Blick auf Zamalek, eine der vornehmeren Wohngegenden in dieser verrückten, pulsierenden Stadt. Sie ist hier eine andere, frei. Der Morgen ist noch fern.

Wenn auf der anderen Seite des Nils ein Mann mit schmalem Gesicht und abstehenden Ohren mit seinem Präsidentenflugzeug landet, wird Samia Mehrez in den Lift steigen, der sie lautlos von ihrer Wohnung bis in die Tiefgarage bringt, ihr Auto starten und ins Stadtzentrum fahren. Wenn sie auf dem Parkplatz der Universität den Wagen abschließt, wird sie vermeiden, den Menschen ins Gesicht zu sehen. Sie wird versuchen, sich unauffällig zu verhalten, wie immer, wenn sie das Haus verlässt.

Samia Mehrez, Professorin für Literatur, Mitte 50, fühlt sich bedroht von Islamisten, die immer mehr werden, immer unverblümter und die die Macht in ihrem Land übernehmen. Man lässt sie spüren, dass sie nicht dazugehört. Man hat ein Exempel an ihr statuiert, es ging um ein Buch über eine homosexuelle Beziehung. Es stand auf der Literaturliste ihrer Kurse. Sie verführe die Studenten zum Lesen pornografischer Schriften, klagten einige Eltern. Bald war die Professorin Gegenstand einer hitzigen Debatte im ägyptischen Parlament.

Ägypten, sagt Samia Mehrez, habe eine säkulare Regierung, und die Verfassung spreche von einem "sozialistischen demokratischen Staat". Aber die Gesetzgebung folge islamischem Recht. Oder dem, was religiöse Fundamentalisten dafür halten.

Es ist kein Zufall, dass Barack Obama sich für die wichtigste Amtshandlung auf einer heiklen Mission diesen Ort ausgesucht hat: die Universität Kairo. Hier spiegelt sich Ägyptens Geschichte ebenso wie die jahrzehntelange Angstspirale zwischen Muslimen und dem Westen. Hier protestierten Studenten wiederholt gegen das autokratische Regime von Präsident Hosni Mubarak. Und hier studierten einst Männer, die - oft blutig - Geschichte schrieben: Palästinenserführer Jassir Arafat, Iraks Diktator Saddam Hussein und auch Ayman al-Zawahiri, Osama bin Ladens Stellvertreter, der hier einst Medizin studierte.

An diesem Donnerstag muss unter der 52 Meter hohen Kuppel in der Großen Halle der Kairoer Universität, wo sonst die Studenten ihre Prüfungen ablegen, Barack Obama bestehen, Amerikas Präsident, und mit ihm sein Land. Obama will das Verhältnis der USA zur muslimischen Welt erneuern, deshalb ist er in den Nahen Osten gereist, und dies ist sein wichtigster Termin.

Irak, Afghanistan, Guantanamo. Obamas Rede enthält die Stichworte, hinter denen sich die großen Konflikte der Welt verbergen. Dass er sie nicht an einem Tag mit einer Rede erledigen kann, weiß Obama selbst. Auf der Bühne, eingerahmt vom Sternenbanner und Ägyptens Flagge, setzt Obama sich und seinen muslimischen Gastgebern ein hohes Ziel. "Der Kreislauf aus Misstrauen und Zwietracht muss enden." Gewalt sei eine Sackgasse. Denn stehe nicht im Koran geschrieben: "Wer einen Unschuldigen tötet, der versündigt sich an der gesamten Menschheit"?

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