Befehl zur Milosevic-Auslieferung
Djindjics West-Orientierung war vielen suspekt

Zoran Djindjic galt als der wohl exponierteste Vertreter eines pro-europäischen Kurses in Serbien. Sein Studium in Deutschland und die dabei erworbenen perfekten Deutsch-Kenntnisse machten ihn vielen im nationalistischen Lager suspekt, doch gerade seine pro-westliche Einstellung öffnete ihm andererseits manche Tür.

Reuters BELGRAD. Nicht zuletzt das Soziologie-Studium bei Jürgen Habermas in Frankfurt war prägend für seine politischen Weg. Der studierte Philosoph, der 1979 über die Gesellschaftstheorie von Karl Marx promovierte, wurde 22 Jahre später, am 25. Januar 2001 der erste nicht-kommunistische Regierungschef in Serbien seit dem Zweiten Weltkrieg. Am Mittwoch starb er 50-jährig durch die Kugeln eines Attentäters.

Der politische Lebensweg des am 1. August 1952 in Bosanski Samac in Bosnien als Sohn eines Offiziers der Volksarmee geborenen Djindjic war geprägt von Umbrüchen. Jugoslawiens Staatsgründer Josip Broz Tito ließ den Philosophiestudenten der Belgrader Universität 1974 verhaften, weil Djindjic eine unabhängige Studentengruppe organisieren wollte. Nach seiner Entlassung aus der Haft schrieb er in Deutschland seine Doktorarbeit. 1989 kehrte er nach Belgrad zurück und wurde zu einem der Mitbegründer der Demokratischen Partei, deren Vorsitz er übernahm.

Bei den Wahlen von 1993 erhielt die Demokratische Partei zwölf Prozent der Stimmen und Djindjic bekam von seinen Anhängern erstmals den Spitznamen „Kennedy Serbiens“. Er schnitt seinen Pferdeschwanz ab und begann, Anzüge zu tragen. Sein Einsatz für Liberalismus und technokratische Reformen schützte ihn nicht vor Kritikern, die ihm wegen seiner harten Haltung im Bosnienkrieg und einer kurzzeitigen Annährung an die Regierung des Präsidenten Slobodan Milosevic mangelnde Integrität vorwarfen. Djindjic unterstützte den Kampf der bosnischen Serben zur Auflösung von Bosnien-Herzegowina mit der Begründung, in dem neuen Staat wären die Serben vor den Moslems nicht sicher. Als die bosnischen Serben 1994 Sarajevo belagerten, besuchte er ihr Hauptquartier in Pale.

Zusammen mit Vuk Draskovic und Vesna Pesic gründete Djindjic 1996 den Reformblock Zajedno (“Gemeinsam“). Nachdem Milosevic Kommunalwahlen annullieren ließ, die schwere Niederlagen für seine Sozialisten bedeutet hätten, begannen die drei mit der Organisation von Straßenprotesten. An den 88 Tagen dauernden Demonstrationen nahmen Hunderttausende Menschen teil. In den wichtigsten serbischen Städten erkannte Milosevic schließlich die Siege der Opposition an. Djindjic wurde Bürgermeister von Belgrad. Mitte 1997 fiel das Bündnis Zajedno nach inneren Querelen auseinander.

Während der Nato-Luftangriffe 1999 auf Jugoslawien floh Djindjic in die andere jugoslawische Teilrepublik Montenegro aus Angst vor Angriffen im Auftrag von Milosevic. Die staatlichen Medien nutzten seine Flucht, um ihn als Verräter und Feigling dazustellen. Nach dem Ende des Kosovo-Kriegs kehrte er nach Serbien zurück, um mit 17 anderen Parteien das Reformbündnis DOS zu gründen. Eine Neuauflage der Straßenproteste scheiterte an mangelnder Beteiligung der Bürger und Einschüchterungen der Polizei. Schließlich entlud sich Anfang Oktober die Bitterkeit der Bevölkerung in einem Aufstand, der Milosevic dazu zwang, den Wahlsieg des Reformers Vojislav Kostunica bei der Präsidentenwahl anzuerkennen.

Die vielleicht weit reichendste Entscheidung seiner Amtszeit traf Djindjic im Juni 2001: In der Nacht auf den 29. Juni verließ eine Maschine Belgrad in Richtung Den Haag. An Bord, der langjährige Herrscher Milosevic. Ihn hatte Djindjic gegen erheblichen Widerstand aus der Bevölkerung und in Missachtung einer einstweiligen Verfügung des jugoslawischen Verfassungsgerichts ausgeliefert.

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