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09.01.2009 
Krieg in Gaza

Bei Anruf Marsch

von Christian Salewski

Sie studieren, sie kellnern, sie arbeiten in Büros. Wenn Krieg ist, reißt ein einziges Telefonat Israels Reservisten von einem Tag auf den anderen aus ihrem normalen Leben. Dvir Moshe, Yuval Yaar und Tausende andere.

Wer kämpft, arbeitet nicht: Für Israels Wirtschaft ist der Krieg eine große Belastung (Foto: Reuters)Lupe

Wer kämpft, arbeitet nicht: Für Israels Wirtschaft ist der Krieg eine große Belastung (Foto: Reuters)

JERUSALEM. Das Kaddisch, das jüdische Totengebet, ist kaum verklungen, da bellen Schüsse durch die Jerusalemer Nacht. Dreimal feuert die Ehrengarde in die Luft. Die Trauergäste, die sich auf dem Herzl-Berg versammelt haben, zucken bei jedem Schuss zusammen. Der Tote, dem sie die Ehre erweisen, wurde 22 Jahre alt, und es wirkt, als würde mit jedem Knall das Gewicht verlorener Lebensjahre größer, das sich den Trauernden auf ihre Schultern legt. Hunderte sind gekommen. Die Menschen stehen dicht an dicht. Flutlicht erhellt den Soldatenfriedhof.

Wenige Stunden erst ist es her, dass Dvir Emmanueloff starb, getroffen von einer Granate im Flüchtlingslager Dschebalia im Norden des Gazastreifens. Er ist der erste israelische Gefallene im Krieg gegen die Hamas.

Dreimal Salut, das bedeutet: Dvir Emmanueloff starb nicht umsonst. Er starb, weil er sein Land verteidigte. Er starb für diejenigen, die sich in dieser Sonntagsnacht um sein Grab drängeln.

Vielleicht bedeutet dreimal Salut aber auch nur, dass die Lebenden eine Entschuldigung brauchen, wenn ihre Kinder auf dem Schlachtfeld das Leben lassen.

Dvir Moshe kannte den Toten nicht. Was Moshe kennt, ist die Angst vor dem Anruf.

Es ist eine Angst, die so gar nicht zu den in Israel allgegenwärtigen patriotischen Reden vom heldenhaften Tod fürs Vaterland passen will. Er ist 23 Jahre alt und Reservist der israelischen Armee, so wie etwa eine halbe Million anderer Israelis. Er ist ein stämmiger Kerl, dem man die Stunden unter Israels Sonne ansieht.

Moshe wirkt älter, als er ist. Vielleicht liegt das an dem sorgfältig gestuften Bart, den kurzen Haaren, der hohen Stirn. Vielleicht liegt es auch daran, dass sein ernster Blick nicht sofort einem Lächeln weicht, wenn man ihm begegnet.

Dvir Moshe lebt in Tel Aviv. Er geht gern feiern, tanzt zu elektronischer Musik, besonders wenn DJs aus Deutschland auflegen. Seit seiner Rückkehr aus Indien, wo er ein halbes Jahr lebte, arbeitet er in einem Restaurant im angesagten Stadtteil Florentin. Viele Bars, alternativer Charme. Die typischen zweigeschossigen Häuser wurden hier noch nicht für eine betuchte Klientel renoviert wie im Nachbarstadtteil Neve Tzedek. Einzelne Orangenbäume stehen am Straßenrand, der Strand ist nur zehn Minuten entfernt und am besten mit der Vespa zu erreichen, die hier viele dem Auto vorziehen. Der Nahostkonflikt, der Krieg gegen die Hamas, das scheint weit entfernt, weit weg von Moshes Leben, das genauso gut in Berlin spielen könnte oder in London.

Wenn er nicht diese Angst vor dem Anruf hätte. Diesem Anruf, der bedeutet, dass sein Leben nicht in Berlin oder London spielt, dass Krieg nicht nur ein Wort ist und dass er nicht weiß, ob er seine Freunde wiedersehen wird, wenn er sich verabschiedet.

Er ist nicht der Einzige. Seit gut zwei Wochen bekämpft Israel die Hamas im Gazastreifen. Sechs israelische Soldaten sind bisher gefallen, der jüngste gerade einmal 19 Jahre alt. Das klingt wenig im Vergleich zu den Hunderten getöteten Palästinensern. Israels Armee hat Tausende Reservisten einberufen, und viele sind sehr jung, Männer wie Dvir Moshe, aus denen über Nacht wieder Soldaten werden müssen.

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