International
Bei Anruf Mord

KAIRO. Der größte Schatz eines Korrespondenten sind seine Kontakte. Die Menschen, ihre unterschiedlichen Lebensumstände, Ansichten und Perspektiven. Sie setzen mosaikartig das Bild zusammen, das der ausländische Beobachter sich von der fremden Gesellschaft macht. Manche sind unsympathisch oder schockieren durch ihre politischen Ansichten, mit anderen freundet man sich an. Doch auf alle greift der Korrespondent zurück, wenn er eine Einordnung, eine Reaktion braucht. Die wichtigste Datei im Computer ist daher die mit den Daten der Gesprächspartner. Normalerweise wird eine solche Datei im Laufe der Jahre größer. Nicht so in der arabischen Welt. Der Korrespondent dort muss immer wieder wichtige Kontakte aus seiner Kartei streichen, Bekannte und Freunde betrauern. Weil sie ermordet wurden. Wegen ihrer politischen Ansichten. Andere sitzen im Gefängnis, wieder andere wurden entführt.

Dezember 2002. Ich steige mit arabischen Schriftstellern wie Mahmoud Darwisch und Adonis in Amman ins Flugzeug, um sie zu ihrem Treffen mit Günter Grass in Jemen zu begleiten. Endlich einmal Kultur und weniger Politik. Dort lerne ich den stellvertretenden Generalsekretär der sozialistischen Partei kennen, Jarallah Omar. Ein liberaler Geist mit sympathischem Schalk in den Augen. Omar lädt mich am letzten Abend in sein Haus außerhalb von Sanaa ein, damit ich auch seine Frau kennen lerne. Bei einem Bier diskutieren wir über die jeweilige Wiedervereinigung unserer beiden Länder. Omars Frau klagt, dass sie sich im stammesbewussten Norden verschleiern muss, während man da im sozialistischen Süden schon viel weiter war. Jarallah Omar liegt mehr politische Freiheit am Herzen. Die Diskussion ist offen, Omar sagt mehr, als er in der Öffentlichkeit sagen würde. Der Abschied ist herzlich. Knapp drei Wochen später, am 28. Dezember 2002, wird Jarallah Omar von einem islamischen Extremisten erschossen. Ich schaue mir die Bilder der Leiche im Fernsehen nicht an.

April 2003. Die Schar ausländischer Korrespondenten in Jordanien ist übersichtlich, ich habe Ausweis Nummer 34 der Vereinigung der Auslandskorrespondenten. So lerne ich schnell auch den Kollegen Tareq Ayyoub kennen, der bald Büroleiter des panarabischen TV-Senders El Dschasira wird. Er hat gute Kontakte zu den in Jordanien friedlichen Islamistenkreisen und stellt mir für eine Geschichte über Islamisten seinen Schwiegervater, einen angesehenen Chirurgen, vor. Über den amerikanisch-britischen Angriff auf den Irak berichtet er für den Sender aus Bagdad. Am 8. April 2003 bombardieren die Amerikaner das Büro des unliebsamen Fernsehsenders in Bagdad, obwohl ihnen dessen Lage bekannt ist. Tareq Ayyoub stirbt bei der Arbeit. Wir, seine Freunde und Kollegen, demonstrieren in Amman. Ich verschiebe die geplante Irak-Reise.

August 2003: Stattdessen fahre ich Ende April nach Teheran. Nach vielen Vorgesprächen mit seinen Mitarbeitern gelingt es, den irakischen Ajatollah Mohammed Baqir al-Hakim zu einem Interview zu treffen. Er ist der Mann, der die politische Führung der irakischen Schiiten übernehmen soll. Ein ehrwürdiger Gelehrter und Politiker, der vor Saddam Hussein in den Iran floh. Er spricht ein wunderbares Arabisch. Ohne seine iranischen Gastgeber zu düpieren, macht er zwischen den Zeilen klar, dass er nicht an die Errichtung einer islamischen Republik nach iranischem Vorbild im Irak denkt. Er fordert mich auf, ihn bei seiner bevorstehenden Heimkehr in die Heimat zu begleiten. Es wird ein Triumphzug. Der Ajatollah übernimmt inoffiziell die politische Führung der Schiiten. Wenige Monate später, am 29. August 2004, wird der moderate Geistliche von einer Autobombe vor der Moschee von Najaf zerfetzt. Ich betrachte das Foto, das uns beide bei dem Interview zeigt.

März 2004: Scheich Jassin ist eine unheimliche Gestalt. Der behinderte Greis ist der spirituelle Führer der islamistischen Hamas in Palästina. Er sitzt bewegungslos im Rollstuhl, spricht mit leiser, krächzender Stimme und erklärt, warum es keinen Frieden mit Israel geben kann. Charismatisch ist er nicht, dennoch verehren ihn seine Anhänger. Beim Interview im Jahr 2000 in seinem Haus in Gaza wird er nicht besonders bewacht. Im März 2004 lenkt die israelische Armee eine Rakete auf den Wagen des Scheichs, als er eine Moschee in Gaza verlässt. Scheich Jassin ist eliminiert. Ich halte die Tat für eine politische Torheit, aber sie berührt mich menschlich wenig.

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