Bei der Schuldfrage sind sich (fast) alle einig
Schaukampf europäischer Prinzipienreiter

Der Brüsseler Verfassungsgipfel scheitert an der kompromisslosen Haltung von Polen und Spaniern – und Silvio Berlusconi reißt schlechte Witze.

BRÜSSEL. Silvio Berlusconi ist wütend. Sein Oberkörper beugt sich vor, die Augen blitzen feindlich in die Runde. Gerade hat eine Journalistin die „unangebrachten Scherze“ angesprochen, mit denen der italienische Ministerpräsident die in Brüssel versammelten Teilnehmer der EU-Regierungskonferenz aufzuheitern versuchte. „Ich habe ein Unternehmen mit 50 000 Mitarbeitern aufgebaut und Heerscharen von Führern ausgebildet“, blafft der für seine Ausbrüche gefürchtete EU-Ratspräsident zurück. Lustige Anekdoten zu erzählen, so beharrt Berlusconi, sei ein „Mittel der Menschenführung“ – aber den Gipfel rettet er damit nicht.

Besonders witzig findet es der Medienmogul aus Mailand, die übrigen Staats- und Regierungschefs beim Mittagessen aufzufordern, doch bitte schön nicht über die künftige EU-Verfassung zu reden, sondern über „Frauen“. Bundeskanzler Gerhard Schröder und sein Außenminister Joschka Fischer sollen die Debatte eröffnen, meint Berlusconi. Denn die beiden Deutschen seien doch als „Womanizer“ (Frauenhelden) bekannt. Sich selbst rühmt der „Cavalliere“, als junger Mann zehn Freundinnen gleichzeitig gehabt zu haben. Derlei Spaßpädagogik kommt nicht gut an bei Tisch. Aus der österreichischen Delegation heißt es, Außenministerin Benita Ferrero-Waldner sei „befremdet“ über die „Anzüglichkeiten“ des Italieners.

Kopfschütteln herrscht nicht nur über den eigenwilligen Humor Berlusconis, sondern auch über dessen Verhandlungsführung. „Es gab nie ein vernünftiges Arbeitspapier“, wundert sich ein Diplomat. Berlusconi und seine Helfer hätten zu keinem Zeitpunkt „den Druck im Kessel erhöht“.

Nur einmal, am Freitagabend, treffen sich die Staats- und Regierungschefs in großer Runde. Der wichtigste Streitpunkt, die Stimmenverteilung im Rat, wird bei dem Palaver nur gestreift. Stattdessen verbringt Berlusconi mit den Delegationen unergiebige Stunden in bilateralen Verhandlungen. „Beichtstuhl-Verfahren“ heißt das im EU-Jargon. Es dient dem Zweck, Kompromisslinien auszuloten, die dann im Plenum verhandelt werden. Doch so weit kommt es gar nicht mehr. „Die Atmosphäre ist vergiftet“, raunt es schon am Freitagabend aus dem großen Sitzungssaal. So vergiftet, dass sich die Staatenlenker nicht einmal zum gemeinsamen Abendessen versammeln.

Seite 1:

Schaukampf europäischer Prinzipienreiter

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%