Belgien
Sag zum Abschied leise Servus – aber bitte auf Flämisch

In Belgien wird die Französisch sprechende Bevölkerung zunehmend diskriminiert. Die große Regierungskoalition aus beiden Lagern droht zu zerbrechen.

BRÜSSEL. Er ist wohl der bekannteste Bürgermeister Belgiens. Damien Thiéry, Liberaler, 45 Jahre, gewählt in der 5 000-Seelen-Gemeinde Linkebeek im Süden von Brüssel – ein frankophoner Bürgermeister auf flämischem Gebiet. Aber auch knapp zwei Jahre nach seiner regulären Wahl zum Bürgermeister im Herbst 2006 ist er nicht offiziell in Amt und Würden. Die flämische Regionalregierung lehnt die Ernennung von Thiéry und zwei weiteren gewählten Bürgermeistern ab.

Der Grund: Die frankophonen Politiker hatten ihre Wahlwerbung in beiden Landessprachen – also Flämisch und Französisch – verschickt. Außerdem lassen sie es zu, dass in den Gemeinderatssitzungen nicht nur Flämisch, sondern, in Ausnahmefällen, auch Französisch gesprochen wird. Eigentlich ist das logisch. Denn in Linkebeek, das in Flandern liegt, sind mittlerweile 85 Prozent der Einwohner frankophon.

Für die Flamen jedoch ist ein solches Verhalten inakzeptabel, ein Verrat an ihrer Kultur und Sprache. „Nach unseren Gesetzen dürfen offizielle Dokumente nur in Flämisch verfasst werden. Ich kann keine Politiker akzeptieren, die unsere Gesetze brechen“, sagt Marino Keulen, flämischer Minister für Integration. Belgien hat nämlich nicht nur eine Föderalregierung, sondern auch zwei regionale Kabinette und Parlamente, die in Flandern und der Wallonie das Sagen haben.

Also arbeitet Damien Thiéry zwar als Bürgermeister, bekommt dafür aber weder eine finanzielle Entschädigung noch den offiziellen Titel. „Wir haben die Regierung schon dreimal aufgefordert, uns endlich zu ernennen. Und wir werden nicht damit aufhören“, sagt Thiéry.

Eine typisch belgische Geschichte und nicht der Rede wert? Ganz so einfach ist es nicht. Denn mittlerweile beschäftigt sich sogar der Europarat mit dem Sprachenproblem im Königreich. Erst kürzlich diskutierten Vertreter der 47 Mitgliedstaaten den Bericht einer Delegation, die Linkebeek und die anderen Problemgemeinden besucht hatte. „Die Blockade der flämischen Regierung ist inakzeptabel. Es ist keine Frage des Gesetzes, sondern einer gesunden Demokratie“, sagt Michel Guégan, Chef der Europarat-Delegation.

Tatsächlich schießen die Flamen immer öfter über das Ziel hinaus, wenn es um den Schutz ihrer Sprache geht. Der Umgang mit den drei frankophonen Bürgermeistern ist nur ein Beispiel von vielen. So wurde die aktuelle Miss Belgien in Flandern abgelehnt, weil sie nicht fließend Niederländisch spricht. In manchen flämischen Gemeinden darf auf den öffentlich Märkten nur in Niederländisch gehandelt werden.

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