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Beppe Grillo: „Italien ist de facto schon raus aus dem Euro“

exklusivBeppe Grillo, Protestpolitiker und Wahlsieger von Rom, will über die Zukunft Italiens in der Euro-Zone abstimmen lassen. Er schlägt ein Online-Referendum zum Euro vor. Auch auf Mario Monti ist er nicht gut zu sprechen.

Beppe Grillo führt die Protestbewegung „Fünf Sterne“ an. Quelle: dpa
Beppe Grillo führt die Protestbewegung „Fünf Sterne“ an. Quelle: dpa

MailandDer italienische Politiker und Überraschungssieger der letzten Parlamentswahl, Beppe Grillo, glaubt nicht an den Verbleib Italiens in der Euro-Zone. „De facto ist Italien doch schon aus dem Euro raus“, sagte der Vorsitzende der Partei „Fünf Sterne“ in einem Interview mit dem Handelsblatt (Mittwochausgabe). Er gehe davon aus, dass auch die nordeuropäischen Staaten Italien nur so lange halten würden, „bis sie die Investitionen ihrer Banken in italienische Staatsanleihen wieder reingeholt haben. Dann werden sie uns fallen lassen wie eine heiße Kartoffel“.

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Grillo deutete eine Volksentscheidung zum Euro an. Er beschließe einen Austritt aus dem Euro aber „nicht allein“ sondern würde „ein Online-Referendum zum Euro machen“. Genauso wie zum Vertrag von Lissabon. Dies seien „alles Themen, bei denen unsere Verfassung außer Acht gelassen wurde“.

Grillo-Interview zum Download „Warum hat sich nur Deutschland bereichert?“

Beppe Grillo und seine Bewegung „Fünf Sterne“ sind die Überraschungssieger der Italien-Wahl. Im Interview spricht er über die Zukunft Italiens in Europa, radikales Umdenken und ehrliche Politiker.

Im Interview rechnete Grillo mit dem bisherigen italienischen Ministerpräsidenten Mario Monti scharf ab. Dieser sei „ein Konkursverwalter im Namen der Banken. Statt oben bei den Topverdienern und im Staatsapparat zu kürzen, hat er den Bürgern unten höhere Steuern aufgebrummt“.

Italien gefährdet Merkels Euro-Mission

  • Warum ist die Enttäuschung im Regierungslager groß?

    Die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone spielt eine zentrale Rolle bei der Lösung der Schuldenkrise. Italien drücken mehr als zwei Billionen Euro Schulden, rasche Reformen sind nötig, ein Rückfall in den Krisenmodus soll vermieden werden. Kanzlerin Merkel hatte mehr oder weniger offen dafür geworben, dass der Reformkurs des parteilosen Übergangspremiers Mario Monti fortgesetzt wird. Und damit immer auch zu verstehen gegeben, dass eine Rückkehr von Berlusconi alles andere als wünschenswert sei.

  • War die Wahl ein Statement gegen Merkels Krisenmanagement?

    Im Grunde schon. Immerhin haben mit Berlusconi und dem Populisten Beppe Grillo zwei erklärte Gegner der Spar- und Reformpolitik der deutschen Kanzlerin etwa die Hälfte aller Stimmen erhalten. Und Merkels Favorit Mario Monti, der versucht hatte, Italien vor der Pleite zu bewahren und an den Märkten neues Standing zu geben, gehört zu den Wahl-Verlierern.

  • Gibt es eine anti-deutsche Stimmung in Italien?

    Das wohl nicht. Merkel und die angebliche Hegemonie der „Tedeschi“ (ital. die Deutschen) in Europa waren im Wahlkampf aber allgegenwärtig. Berlusconi hatte gemutmaßt, Monti und Merkel hätten sich verständigt, die lange in Umfragen führenden Sozialdemokraten zu unterstützen. Das wäre eine Regierung von Merkels Gnaden gewesen, ätzte Berlusconi. Die Dementis aus Berlin und von Monti haben wohl nichts genützt.

  • Hat dies Auswirkungen auf die deutsche Europa-Politik?

    Der Wahlausgang muss Berlin zu Denken geben. Mit Sprüchen gegen die Kanzlerin hat Berlusconi im Wahlkampf unglaublich aufgeholt. Der Milliardär und Medienmogul gibt vor allem Merkel die Schuld an der Misere Italiens. In die gleiche Kerbe schlägt Ex-Komiker Grillo, der gegen „die da oben“ in Brüssel und in Berlin punktete. Der Populist holte aus dem Stand ein Viertel der Stimmen. Für den deutschen Linkenchef Bernd Riexinger kein Wunder: „Die Wut, die sich an den italienischen Wahlurnen Bahn gebrochen hat, ist imstande, die Euro-Zone zu sprengen. Merkels Sparbombe tickt!“

  • Droht nun eine Rückkehr der Euro-Schuldenkrise?

    Ja, obwohl die Krise nicht wirklich verschwunden war. Die Lage hatte sich allenfalls entspannt. Zumal sich auch für das angeschlagene Euro-Land Zypern nach langem Zögern Berlins eine Lösung bis Ende März abzeichnet. Aus der erhofften Ruhe wurde nichts: Wegen des drohenden politischen Stillstands in Italien steigen nicht nur Risikoaufschläge für italienische Anleihen, sondern die für Papiere anderer Krisenstaaten gleich mit.

  • Was bedeutet das?

    Zunächst einmal dürfte die Verschuldung des ohnehin klammen Italien weiter steigen. Befürchtet wird vor allem, dass das drittgrößte Euro-Land unter den Rettungsschirm schlüpfen muss. Der Hilfstopf ist einschließlich der Restmittel aus dem auslaufenden Fonds zwar noch gut gefüllt, könnte bei einem Schwergewicht wie Italien aber schnell an seine Grenzen stoßen.

  • Droht Deutschland eine teure Mithaftung?

    Bei Rettungshilfen an Italien steigen auch die Garantien und die Haushaltsrisiken für die deutschen Steuerzahler. Was wiederum nicht ohne Folgen für die Kreditwürdigkeit Deutschlands ist und damit Auswirkungen auf die Staatskassen hierzulande hat. Was keine guten Aussichten sind für die schwarz-gelben Wahlkämpfer um Merkel & Co.. Nicht umsonst meinte Außenminister Guido Westerwelle: „Wenn es um die Schuldenkrise in Europa geht, sitzen wir alle im selben Boot.“

  • Ist Italien das einzige Euro-Sorgenkind?

    Italien kämpft zwar mit dem zweitgrößten Schuldenstand in der Euro-Zone, einer Rezession und sinkender Wettbewerbsfähigkeit. Mit einer Schieflage Frankreichs drohen aber weit größere Probleme. Das Defizit des zweitgrößten Eurolandes steigt und steigt. Paris dürfte den Ausgang der Parlamentswahlen in Rom aber als Bestätigung für den eigenen Kurs sehen - mehr auf Wachstum setzen statt aufs Sparen.

Grillo sieht sich aber nicht als Anti-Europäer. „Europa muss keine Angst haben“, sagte er im Handelsblatt-Interview. Er fordere aber eine deutliche Umkehr und „mehr Demokratie“. Für seine Partei nimmt er in Anspruch: „Wir sind die Französische Revolution – ohne Guillotine.“ Europa brauche einen „Plan B“, sagt der italienische Politiker. „Wir müssen uns doch fragen: Was ist aus Europa geworden ? Warum haben wir keine gemeinsame Informationspolitik, keine gemeinsame Steuerpolitik, keine gemeinsame Politik der Immigration ? Warum hat sich nur Deutschland bereichert?“

110 Kommentare

Alle Kommentare lesen
  • 13.03.2013, 06:51 UhrSarina

    Dies seien „alles Themen, bei denen unsere Verfassung außer Acht gelassen wurde“.
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    Unsere Verfassung ebenfalls.

    Warum hat sich nur Deutschland bereichert?“
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    Weil wir weitaus tüchtiger, innovativer, disziplinierter, effizienter und ökonomischer denken und handeln als alle Club-Med-Saus-und-Braus-Länder zusammengenommen. Es muss Ihnen doch auffallen, Herr Grillo, dass gerade in Italien sehr gut zu erkennen ist, wie weit die Nord- und Südmentalität auseinanderdriften: Das prosperierende Norditalien steht dem Mezzogiorno diametral gegenüber! Und dass wir erfolgreicher sind, als Italien & Co. stört uns nicht sonderlich, denn einer muss ja der Erfolgreichere sein. Und Neid, Herr Grillo, dürfte wohl die ehrlichste Form der Anerkennung sein. In diesem Sinne: Vielen Dank für Ihre Anerkennung!

  • 13.03.2013, 07:06 UhrLefort

    Leider hat sich nicht Deutschland bereichert,sondern nur die Manager und Aktionäre einige Daxunternehmen,während die Bevölkerung immer ärmer geworden ist.
    Wenn es ein Herr Grillo schafft,gleich 25% der Wähler für sich zu begeistern,müßten unsere Wirtschaftsprofessoren von der "Alternative für Deutschland" dies auch schaffen.Oder sind wir dümmer als die Italiener?Vielleicht schaffen wir es ja noch gemeinsam,den Herren in den Regierungen zu zeigen,wie Europa und Demokratie wirklich funktioniert.

  • 13.03.2013, 07:06 Uhrrokober

    Nicht reden, sondern handeln, d.h. Italien soll raus aus dem Euro! Aber: die Italiener wollen eben nicht von den Geldtöpfen lassen, wasverständlich ist, und da wir Deutschen so blöd sind, zu bezahlen,da wird dieses Spiel weitergehen.
    Warum seine eigenen Schuden selbst bezahlen, wenn's Dumme gibt, die das übernehmen?

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