Bericht der EZB: Europas Phantom-Reichtum

Bericht der EZB
Europas Phantom-Reichtum

Reiches Zypern, armes Deutschland: Die EZB veröffentlicht höchst brisante Zahlen, die nahe legen, dass die Privathaushalte der Krisenländer im Süden alles andere als arm sind. Retten wir die Falschen?
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DüsseldorfDie Europäische Zentralbank sitzt auf einem explosiven Datenschatz, den sie nur sehr zögerlich an die Öffentlichkeit kommen lassen will. Seit 2006 hat sie in einem sehr aufwendigen Verfahren erhoben, über welche Vermögenwerte und Schulden die privaten Haushalte in den Euro-Länder verfügen. Einzelne vorab veröffentlichte Zahlenreihen legten den Schluss nahe, dass ausgerechnet die Krisenländer in Südeuropa in Wahrheit alles andere als arm sind und die teuren Rettungsmaßnahmen selbst schultern könnten. Am Donnerstag nun hat die EZB nun den 133 Seiten starken „ersten Bericht zur Vermögenssituation privater Haushalte in der Eurozone“ vorgelegt, der den Euro-Gegnern Argumente liefert. Allerdings nur auf den ersten Blick.

Tatsächlich bestätigen sich die Vermutungen, dass Deutschland weit von den reichsten Haushalten der Euro-Zone entfernt ist. Mit einem Nettovermögen von im Durchschnitt 710.000 Euro stehen die Luxemburger an der Spitze der Tabelle, dicht gefolgt von – ausgerechnet – Zypern mit 671.000 Euro. Und auch die potenziellen Krisenstaaten Spanien (290.000) und Italien (275.000) liegen über dem Durchschnitt der Euro-Zone (230.000) – Deutschland mit einem Nettovermögen der Privathaushalte von 195.000 Euro rangiert deutlich darunter.

Ein anderer Vergleich macht das Missverhältnis noch deutlicher: Deutschland stellt innerhalb der Euro-Zone zwar knapp 29 Prozent aller Haushalte, auf diese entfallen aber nur 24 Prozent des Vermögens in der Euro-Zone. Genau umgekehrt die Lage in Zypern: In dem Ministaat haben gerade mal 0,2 Prozent der Haushalte der Euro-Zone ihre Heimat, aber die verfügen über 0,6 Prozent des Vermögens.

Die EZB hat über die Angaben zum Durchschnittsvermögen hinaus auch jeweils den Median angegeben. Darin geht es um den Haushalt in der Mitte der Gesellschaft: Das ist eben nicht der Durchschnittshaushalt, sondern der Haushalt in der Mitte einer Aufreihung. Im Klartext: Jeweils die Hälfte aller anderen Haushalte ist entweder reicher/ärmer, größer/kleiner, was auch immer.

Auf dieser Basis fällt das Ergebnis noch krasser aus, Deutschland landet demnach auf dem letzten Platz der Euro-Vermögensstatistik: Das Median-Vermögen deutscher Haushalte beläuft sich laut EZB auf nur 51.400 Euro. Dagegen verfügen Luxemburger Haushalte mit 397.800 Euro über die höchsten Vermögen. Und auch in Zypern (266.900) oder Spanien (182.700) verfügt der Median-Haushalte über mehr Geld.

Sehr spannend, aber eine andere Geschichte ist das große Missverhältnis in Deutschland zwischen Median und Mittelwert: Der Medianhaushalt verfügt nur über ein Viertel des Vermögend des Durchschnittshaushaltes - was zeigt, wie ungleich das Vermögen in Deutschland verteilt ist.

Soweit, so klar. Aber laut Eingeständnis der EZB gibt es bei den Daten zum einen viele Einschränkungen und Fußnoten – und zum anderen ist die Interpretation der Daten alles andere als simpel. Die EZB hat zwar einigen Aufwand betrieben, um die Daten der mehr als 60.000 befragten Haushalte vergleichbar zu machen. Aber die Zahlen beziehen sich in der Regel auf Jahre vor der Euro-Krise. Bei einzelnen Datenreihen und Ländern sind die Zahlen schon sechs Jahre alt.

Die EZB selbst betont unter anderem die unterschiedlichen Haushaltsgrößen. Die weichen allerdings so stark auch nicht voneinander ab: In Deutschland wohnen 2,04 Menschen in einem Haushalt, in Zypern sind es 2,76 Personen.

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  • Nach meiner Auffassung wissen sie nicht was Sie(EZB u. Co). Die angesetzten Werte verzerren die Ergebnise estrem und sind daher nicht mehr glaubwürdig. Des weiteren sind diese Studien für Otto Normalverbraucher absolut unverständlich.
    Wenn solche Studien erstellt werden kann dieses immer nur in Vergleichbarem vorgenommen werden. Z.B. Renten mit Renten,Immobilien mit Immobilien usw. um eine gewisse Verständlichkeit zu erreichen. Will man dieses überhaupt?!

  • RENTENANSPRÜCHE SIND DOCH AUCH NUR SCHULDSCHEINE , AUF GELD WAS ES NOCH GARNICHT AUF ERDE GIBT und mir STEHT in ZUKUNFT ZU SCHAFFENDEN GELD ( DURCH REAL WERT ERSCHAFFEN ) DAVON in % ZU .
    ALSO REDEN uns REICHTUM ZU DEN ES NOCH GARNICHT GIBT sondern NUR VERSPRECHEN SIND , WELCHES DOCH ERST REGIERUNG ALS WAHR UND RECHT ERST BEWEISEN MUSS , die DANN SCHON NURNOCH VON WIRTSCHAFT oder SOUVERÄNE ( GIBT ES die ? ) BÜRGER NOCH GEWÄHLT WURDEN . WIRTSCHAFT SAGT DOCH SCHON : DAS man " SIE " WÄHLEN LASSEN SOLL , DA der Bürger KEINE AHNUNG HAT .

  • Die bislang erworbenen Rentenansprüche könnte man zwar als Vermögenspositionen kalkulieren. Dann müsste man aber auch die dadurch auf den (jüngeren) Bürgern liegende Verpflichtung, für diese Rentenansprüche (v.a. der älteren Bürger) aufzukommen, ebenfalls berücksichtigen. Am Durchschnittsvermögen ändert sich durch solche Betrachtungen daher fast nichts.
    Die Ungleichheit innerhalb der Gesellschaft wird durch die hohen Rentensprüche allerdings noch verstärkt, weil die jüngeren belastet werden, die ohnehin schon weniger echtes Vermögen haben, die älteren bevorzugt.
    Somit würde Deutschland bei Betrachtung der Medianvermögen mit individuellem Rentensaldo der Haushalte noch schlechter dastehen.

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