Bericht: Feldzug am Golf nutzte der El Kaida
Briten kündigen Abzug aus Irak an

Der britische Verteidigungsminister John Reid hat Berichte über einen geplanten Teilabzug aus dem Irak bestätigt. Die Reduzierung der Truppenstärke könnte in den nächsten zwölf Monaten beginnen. Indes erhebt ein angesehenenes britisches Forschungsinstitut schwere Vorwürfe gegen die Regierung Blair.

LONDON. Großbritanniens Beteiligung am Irak-Krieg hat nach Einschätzung des des Royal Institute for International Affairs („Chatham House“) dem Terrornetzwerk El Kaida „ohne Zweifel Auftrieb gegeben“. Der Bericht des macht damit die Bemühungen des britischen Premierministers Tony Blair zunichte, den Irak-Krieg aus der Debatte um die Londoner Terroranschläge vom 7. Juli herauszuhalten. Zu den Taten hatte sich die El Kaida bekannt. Zudem kündigte Verteidigungsminister John Reid in einem CNN-Interview an, dass Großbritannien binnen zwölf Monaten mit dem Abzug seiner Truppen aus dem Irak beginnen werde.

Der Bericht bleibt politisch neutral, stärkt aber Argumente, die – wenn auch verhalten – auf dem linken Flügel der regierenden Labourpartei geäußert werden. Auch britische Muslime haben Blairs Irak-Politik für das hohe Maß an Entfremdung und den emotionalen Zorn unter jungen Muslimen verantwortlich gemacht, der einen Nährboden für Extremisten abgibt. So hatte der Aktivist Azzam Tamimi die britischen Muslime bei einer Kundgebung in London aufgefordert, jede Mitverantwortung für die Anschläge vom 7. Juli von sich zu weisen. Nicht Muslime hätten „diese Jungs“ wütend gemacht, nicht sie hätten Bomben in den Irak geschickt und Menschen in Guantanamo Bay eingesperrt.

Regierungsmitglieder wiesen den Bericht der Forscher zurück. Außenminister Jack Straw drückte „Erstaunen“ aus, „dass Chatham House nun glaubt, wir hätten nicht Schulter an Schulter mit unseren langjährigen Verbündeten stehen sollen“. Die Zeit für Entschuldigungen des Terrorismus sei vorbei, sagte Straw vor dem Treffen der EU-Außenminister in Brüssel. Terroristen hätten weltweit zugeschlagen – nicht nur in Ländern, die an der Seite der USA an der Irak-Invasion beteiligt waren.

Einer der Verfasser des Berichts, der Terrorismusexperte Paul Wilkinson von der Universität St. Andrews, räumte zwar ein, dass Großbritannien schon vor dem Irak-Krieg auf der Liste der El-Kaida-Ziele gestanden habe. Doch habe das Terrornetzwerk den Konflikt am Golf mit maximalem Effekt nützen können – als Propagandawaffe, um Anhänger zu rekrutieren und um finanzielle Unterstützung zu erhalten.

Der Bericht erhebt zwei spezifische Vorwürfe. Großbritannien habe seinen politischen Spielraum in der Antiterrorismuspolitik eingeschränkt, indem es sich als „Sozius“ ohne Entscheidungsbefugnisse zu eng an die amerikanische Strategie gebunden habe. Zudem habe die Regierung in den späten 90er-Jahren die Bedrohung durch El Kaida unterschätzt und der Bekämpfung islamischer Extremisten im eigenen Land nicht genügend Bedeutung eingeräumt: „Diese Individuen wurden nicht als Bedrohung der britischen Sicherheit eingestuft. Man erlaubte ihnen, ihre Aktivitäten ohne große Hindernisse fortzusetzen, was bei ausländischen Regierungen ziemliche Verärgerung auslöste.“

Positiv wird die „beeindruckende Kapazität“ hervorgehoben, die britische Sicherheitsinstitutionen im Kampf gegen den IRA-Terrorismus aufgebaut hätten – vor allem bei der Zusammenarbeit zwischen den Sicherheitsagenturen und ihren Abteilungen. Die Londoner Anschläge seien die ersten von internationalen Terroristen im Land seit der Lockerbie-Bombe von 1988 gewesen.

Der britische Verteidigungsminister Reid äußerte im CNN-Interview zu Spekulationen über einen bevorstehenden Abzug britischer Truppen aus dem Irak. Dieser beginne in den nächsten zwölf Monaten. Man müsse aber von einem „Prozess“ ausgehen, nicht von einem „Ereignis“. Der Widerstand gegen die neue irakische Regierung werde „lange, lange Zeit“ dauern. In dem Maß, in dem die irakischen Sicherheitskräfte aufgebaut würden, werde man die britische Präsenz abbauen. Wenn man zu lange am Golf bleibe, könne der Eindruck entstehen, sein Land verfolge „imperialistische Ziele“, sagte Reid.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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