Berlin trifft Warschau
Heitere Angela sucht störrischen Jaroslaw

Womöglich drahtete der diplomatische Tross des polnischen Ministerpräsidenten zur Mittagsstunde schon die erste erlösende Erfolgsdepesche nach Warschau. Doch statt klarer Aussprache bleiben Bundeskanzlerin Merkel und Polens Ministerpräsident Kaczynski nur beim „konstruktiven“ Einerlei.

BERLIN. Beim ersten öffentlichen Auftritt von Jaroslaw Kaczynski mit Bundeskanzlerin Angela Merkel durfte sich der Ministerpräsident im Kanzleramt hinter einem zu drei viertel gefüllten Wasserglas aufbauen. Merkel hingegen musste mit einem eher dürftigen Pegelstand vorlieb nehmen. Solch symbolische Bescheidenheit der Deutschen: Wenn das kein Zeichen von Entspannung, von demonstrativer Demut ist.

Und richtig: Bei der heiklen Kurzvisite von Kaczynski standen die Zeichen tatsächlich stur auf „konstruktiv“. Merkel wiederholte das Wort gleich mehrfach beschwörend. Vielleicht auch, weil ihr polnisches Gegenüber in einer wahren Interviewflut die Message verschickt hatte: Alles Brisante müsse auf den Tisch!

Das kam es auch. Und da blieb es auch nach der Visite: die deutsch-russische Ölpipeline, die Entschädigungsfrage der aus Polen Vertriebenen, das polnische Misstrauen gegen angebliche deutsche Großmachtgelüste.

Doch zunächst verstand der Gast aus Warschau nur Bahnhof. Als er nach zwei Minuten angestrengter Nestelei an seinem Einohr-Kopfhörer nicht entfernt in die Reichweite befriedigender Ausgewogenheit gelangte, schritt die Kanzlerin, den nachbarschaftlichen Knatsch ignorierend, zum Akt diplomatischer Nächstenliebe. „Herr Wilhelm. Helfen Sie dem Herrn Ministerpräsidenten!“ Ihr Regierungssprecher stand 20 Meter vom polnischen Balanceakt entfernt, und man durfte seinem Gesicht ablesen, wie er unentschlossen innerlich zählte: Eins, zwei, drei ...

Ungefähr bei acht erwies sich der Premier doch als realitätstüchtiger Dompteur des störrischen Geräts. Das Ding saß plötzlich fest und balanciert, und Ulrich musste sich nicht vor aller Augen und mittlerweile auch Ohren als der Mann für alle Schieflagen outen.

Während Merkel dann eine Viertelstunde lang der internationalen Presse ihr positivstes „Summa summarum: konstruktiv“ diktierte – und den Zwist über die deutsch-russische Ölpipeline elegant auf die Ebene einer gemeinsamen EU schob –, regte sich bei dem Polen kein noch so winziger Gesichtszug. Bleich und regungslos, als stünde er nach nur einem Jahr Amtszeit schon in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett, ließ er Merkels Elogen und Beschwichtigungen stoisch abtropfen.

Die äußerste Regung, zu der sich Kazcynski zunächst hinreißen ließ, war ein einmaliges Aufklopfen mit dem rechten Zeigefinger auf dem industriegrauen Pult. Zu dieser steilen öffentlichen Erregung kam es, als sich ein voreilig fragender Journalist als Engländer enttarnte, und Merkel ihm Einhalt gebieten musste. „Ich habe von meinem französischen Kollegen Chirac gelernt“, erklärte sie sich dem weltweiten Publikum, „dass das immer das Letzte ist.“ Vom freudigen Gelächter angestachelt, stellte die Kanzlerin klar, dass ihre Lektion sich keinesfalls gegen die Engländer richte, sondern nur gegen voreilige Journalisten aus Drittstaaten.

Seite 1:

Heitere Angela sucht störrischen Jaroslaw

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%