Berlin und London ringen um die Nachfolge von EU-Kommissionschef Prodi
Schröders Wunschkandidat wackelt

Hat sich Bundeskanzler Gerhard Schröder zu weit aus dem Fenster gelehnt? Seit einigen Wochen wirbt Schröder für den belgischen Premier Guy Verhofstadt als möglichen Nachfolger des scheidenden EU-Kommissionspräsidenten Romano Prodi. Bei einem Besuch in Brüssel Mitte Mai hatte Schröder sogar Kriterien für die Prodi-Nachfolge genannt, die perfekt auf Verhofstadt passten.

BRÜSSEL. Auch der französische Staatspräsident Jacques Chirac hat Unterstützung signalisiert. „Er wäre ein sehr guter Präsident der EU-Kommission“, sagte Chirac.

Doch nun kommt Gegenwind aus London: Die britische Regierung sucht Alternativen zu dem deutsch- französischen Wunschkandidaten – und bringt überraschend EU-Chefdiplomat Javier Solana ins Gespräch. Solana selbst habe durchblicken lassen, dass er zu einer Kandidatur gedrängt werde, berichtete die „Financial Times“. Premier Tony Blair wollte sich zu der brisanten Personalie gestern nicht äußern: Die Debatte über die Prodi-Nachfolge werde „auf privater Basis“ geführt, sagte er nach einem Treffen mit Spaniens Premier José Luis Rodríguez Zapatero. Und dies sei der beste Weg, sie zu führen. Zapatero sagte, er habe den Eindruck, dass es mehr Kandidaten gebe als Länder, die hinter ihnen stünden.

Dass Blair den belgischen Ministerpräsidenten nicht will, ist ein offenes Geheimnis. „Verhofstadt ist nicht wirklich unser Typ, wir glauben aber nicht, dass er eine Katastrophe wäre“, sagt man in der Downing Street. Doch spätestens seit er vor einem Jahr den so genannten Brüsseler „Pralinengipfel“ von lediglich vier Staaten zum europäischen Militärhauptquartier organisierte, gilt Verhofstadt trotz seiner einstigen Reputation als „Baby Thatcher“ in London als umstrittener Föderalist. Man fürchtet, ein Kommissionschef Verhofstadt würde eine deutsch-französische Agenda vorantreiben und so den britischen Europagegnern weitere Munition in die Hände spielen.

Allerdings hat Blair bisher keinen überzeugenden Gegenkandidaten gefunden. Solana ist bereits der dritte Name, der in London gehandelt wird. Bisher wurden schon EU-Außenkommissar Chris Patten und EU-Parlamentspräsident Pat Cox diskutiert – jedoch ohne greifbaren Erfolg.

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