Berlusconi kann sich nicht bremsen
Wasser auf die Mühlen seiner Gegner in Straßburg

Mit seinen Attacken gegen den SPD-Abgeordneten Martin Schulz und mit seinem Nazi-Vergleich hat sich Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi keine Freunde unter den Parlamentariern in Straßburg gemacht.

dpa STRASSBURG. Für Silvio Berlusconis politische Gegner war es Wasser auf die Mühlen. Eine ganze Weile hatte der italienische Ministerpräsident und neue EU-Ratsvorsitzende am Mittwoch im Europaparlament Kritik ertragen oder weggelächelt. Aber auf die heftigen Angriffe des SPD-Abgeordneten Martin Schulz reagierte der umstrittene Politiker dann doch mehr als ungehalten: „In Italien wird ein Film über Konzentrationslager gedreht. Ich lade Sie ein, die Rolle des Kapo zu spielen“, sagte Berlusconi. Die Antwort der Parlamentarier kam prompt. Unter lauten Zwischenrufen verlangten sie eine Entschuldigung. Der Plenarsaal bebte.

Berlusconi schien durch die Eskalation in der anfangs sehr sachlichen Debatte über seine politischen Ziele als EU-Ratspräsident etwas verwirrt zu sein. Doch statt sich zu entschuldigen, machte er seinem Ruf als Politiker, der keinen Widerspruch duldet, alle Ehre: „Ich ziehe nichts zurück.“ Schulz habe ihn persönlich beleidigt, und er habe nur auf ironische Weise geantwortet. Wenn Schulz Ironie nicht verstehe, tue er ihm leid. Empörung prallte an Berlusconi ab.

In den Tumulten behielt nur einer die Ruhe: Ausgerechnet der politische Gegner Berlusconis, EU-Kommissionspräsident Romani Prodi, ließ sich nicht aus der Fassung bringen. Den lautstarken Protest der Parlamentarier gegen die Äußerungen Berlusconis kommentierte Prodi nur knapp und indirekt: „Die Aussprache hat gezeigt, wie groß die Aufgaben und Schwierigkeiten in diesem halben Jahr wirklich sind.“

Die neue Freundschaft mit Prodi

Tatsächlich schien es, als hätten Berlusconi und Prodi ihr Kriegsbeil zumindest auf europäischem Parkett vorerst begraben. Während dem Ratspräsidenten vor allem aus den Reihen der linken Parteien heftiger Gegenwind ins Gesicht wehte, gingen die beiden kühl aber nicht unfreundlich miteinander um. Zwar hielten sie sich mit gegenseitigen Beifallskundgebungen weitestgehend zurück. Aber manchmal klang es fast, als hätten sie ihre Reden vorher abgesprochen. In ihren europapolitischen Zielen herrschte sogar erstaunlich viel Übereinstimmung.

Das kam für viele überraschend. Noch im Mai hatte Berlusconi Korruptionsvorwürfe gegen den Kommissionspräsidenten erhoben. Auch bei seinen Attacken auf die Justiz, die Medien und die italienische Linke bezog er Prodi immer wieder mit ein. Der Kommissionspräsident hatte seinerseits Fernsehauftritte Berlusconis kritisiert und ihm vorgeworfen, das Fernsehen für persönliche Zwecke zu missbrauchen. In Rom wird erwartet, dass Prodi bei der Parlamentswahl im Frühjahr 2006 als Spitzenkandidat der Opposition gegen Berlusconi antreten wird.

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