Bestandsaufnahme
Finanzsystem stabilisiert sich global

Das Finanzsystem befindet sich auf dem Weg der Besserung, ist aber noch lange nicht krisenfest. Mit dieser Bestandsaufnahme rief Mario Draghi, Vorsitzender des neu gegründeten Financial Stability Boards (FSB), Regierungen und Finanzwächter zu weiteren Reparaturarbeiten auf.

BASEL. Es sei entscheidend, dass die Bereinigung der Bankbilanzen zu Ende gebracht werde, sagte der Chef der italienischen Notenbank. „Wir müssen darauf drängen, dass das Finanzsystem widerstandsfähiger wird als es in der Vergangenheit war“, sagte Draghi in Basel, wo seit gestern die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) tagt. „Wir haben keine Zeit, eine Pause zu machen“, meinte er.

Der FSB ist der Nachfolger des Financial Stability Forums und vereinigt die Finanzaufseher und Notenbanker der wichtigsten Finanzzentren unter seinem Dach. Die Institution soll nach dem Willen der größten 20 Industrie- und Schwellenländer (G20) eine wichtige Rolle beim Aufbau einer neuen Finanzordnung spielen. Der FSB hat bereits zahlreiche Reformvorschläge erarbeitet.

Die Weltwirtschaft zeige überzeugende Signale einer Erholung, sagte der FSB-Vorsitzende. So sei es ermutigend, dass Banken wieder von privaten Investoren Kapital aufnehmen könnten und dass auch der Markt für Firmenanleihen wieder in Gang gekommen sei. Die Stabilität des Finanzsystems habe nahezu das Niveau vor der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im Herbst des vergangenen Jahres erreicht. Die Entspannung sei jedoch noch fragil.

Regierungen und Notenbanken sollten zwar darüber nachdenken, wie sie ihre Unterstützung für die Wirtschaft und das Finanzsystem sukzessive und koordiniert abbauen könnten. Bevor die Geldpolitik einen restriktiveren Kurs einleiten könne, müsse aber der Bankensektor repariert sein, und die Wirtschaft müsse eine nachhaltige Besserung aufweisen.

Einige der von der G20 beschlossenen Reformen seien bereits auf den Weg gebracht. So sei man dabei, die prozyklischen Effekte bei der Bilanzierung von Risikopapieren zu korrigieren. Außerdem werde die Baseler Bankenaufsicht Ende des Jahres Vorschläge machen, wie mit Hilfe von Liquiditäts- und Kapitalpuffern die systemischen Risiken begrenzt werden könnten. Draghi räumte ein, dass die internationalen Kapitalvorschriften (Basel II) durch eine einfachere Kennziffer ergänzt werden sollten. „Die Märkte wollen eine Zahl sehen“, sagte der italienische Notenbanker. Die Schweiz hat dem bereits Rechnung getragen und eine sogenannte „Leverage ratio“ eingeführt. Die Quote misst das Verhältnis von Kernkapital zur Bilanzsumme und soll in guten Zeiten mindestens fünf Prozent betragen. Die Äußerungen Draghis deuten darauf hin, dass auch andere Länder den Verschuldungsgrad ihrer Großbanken auf diese Weise begrenzen wollen. tor

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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