
Eigentlich hätte es eine staubtrockene Diskussion werden müssen: Nachhaltiges Wirtschaften im 21. Jahrhundert, dazu hatte die CDU am Dienstag Abend ins Adenauer-Haus geladen. Nicht mehr Bäume abholzen als man pflanzt und so, wir kennen es. Doch am Ende wurde daraus eine spannende Debatte darüber, welche Länder im internationalen Wettbewerb bestehen werden und welche Strategien sie dafür verfolgen müssen. Zu verdanken war das vor allem einem Teilnehmer: dem Amerikaner Jeremy Rifkin, Gründer der Foundation on Economic Trends, multipler Berater und Beststeller-Autor. Deutschland könne führend an einem neuen wirtschaftlichen Paradigma mitwirken, sagte er mehr an die Adresse der aufmerksam zuhörenden Bundeskanzlerin als an die der zahlreichen Zuhörer. Obama habe die Chance dazu gehabt, aber sie verspielt.
Merkel eröffnet den Abend, der auch zu einer Lehrstunde über die Unterschiede zwischen amerikanischer und deutscher Kommunikation wurde, mit einer guten, knappen Einführung in das Thema Nachhaltigkeit. Aufgebaut, wie Reden in Deutschland halt aufgebaut sind: Erstens, zweitens, drittens. Finanzielle Nachhaltigkeit, ökologische, soziale. Unterpunkt eins, zwei, drei.
Dann Rifkin: "Wir sind 6,8 Milliarden Menschen, unsere durch Öl und Kohlenstoff geprägte Zivilisation liegt auf der Intensivstation - sind wir dazu in der Lage, eine neue Vision zu entwickeln?" Was er über die "Third Industrial Revolution" sagt kennen wir in allen Details: Erneuerbare Energien, smart grids, Gebäude, die Energie erzeugen statt zu verbrauchen, Speicherung von Energie und neue Mobilität. Aber wir verniedlichen es als "Energiewende".
Bei Rifkin wird daraus eine neue Art zu produzieren, zusammenzuarbeiten, Kontinente wie den europäischen durch eine gemeinsames Energienetz zu verbinden, Unternehmen durch die Steuerung des des Energieflusses Gewinne machen zu lassen statt durch den Verkauf von Strom, und die Prinzipien des Internets - verteilt, kooperativ, horizontal statt top-down - auf die der Energiewirtschaft zu übertragen. Umweltminister Norbert Röttgen, der gemeinsam mit der Wirtschaftsweisen Beatrice Weder di Mauro mitdiskutierte, lauschte teils mit einem so glücklichen Lächeln als wollte er sagen: So schön möchte ich das auch mal ausmalen. Selbstironisch warf er ein: "So überzeugt wie Jeremy Rifkin diskutieren wir in unseren Gremien auch immer über die Energiewende!"
Ganz am Ende stellte Moderatorin Ursula Weidenfeld eine Frage, die zum Knackpunkt des Abends führte: Was machen eigentlich die USA? Rifkin Antwort war kurz und vernichtend: Barack Obama habe seine Chance gehabt und ehrlich beabsichtigt, eine grüne Wirtschaft aufzubauen. Doch er habe die einzelnen Bestandteile nicht verbunden, hier Subventionen für Solarenergie vergeben und da für neue Speichertechniken: "Er hatte einen Einkaufszettel, aber kein überzeugendes Narrativ."
Deutschland dagegen könne den energetisch-wirtschaftlichen Umbau als Modell vorführen, weil es dezentral aufgebaut sei ("Das haben Sie mir mal gesagt, Frau Merkel, als Sie mir erklärt haben, dass ich die deutsche Geschichte nicht kenne", stichelte er freundlich) und an allen fünf Bestandteilen der "Revolution" - siehe oben! - gleichzeitig arbeite. "Wenn sie das nicht schaffen, versenken Sie nur Geld. Und Sie brauchen das überzeugende Narrativ." Nach der Diskussion stand er noch lange mit der Kanzlerin zusammen, bei Wein, Saft und Fingerfood, und diskutierte mit ihr über seine Erfahrungen aus anderen Ländern. Das Narrativ, die Erzählung, die eine Gesellschaft überzeugt und ihr Orientierung gibt - ob eine deutsche Regierung das irgendwann hinbekommen wird? Oder ob es ewig bei Reden aus Spiegelstrichen bleibt?
Wir sind Schlafwandler. Trotz der sich häufenden Beweise dafür, dass dieses auf fossilen Brennstoffen aufgebaute Industriezeitalter im Sterben liegt und die Erde vor einem potenziell destabilisierenden Klimawandel steht, weigert sich die Menschheit weithin, die Realität ihrer Situation anzuerkennen.
Ich habe dieses Phänomen bei meinem Umgang mit Staatsoberhäuptern immer wieder erlebt. Sie treten ihr Amt mit dem Feuer ehrgeiziger Zukunftsvisionen an, um dann beim tagtäglichen Löschen kleiner Feuerchen unterzugehen.
Wir bekommen eine Sammlung von Pilotprojekten und isolierten Programmen serviert, die nicht genügend miteinander zu tun haben , um die Geschichte einer neuen ökonomischen Vision für die Zukunft zu erzählen. Wir stehen mit einer Menge aussichtsloser Initiativen da, Milliarden von Steuergeldern sind verschleudert, und nichts kommt dabei raus.
Im 21. Jahrhundert werden Hunderte von Millionen Menschen ihre eigene grüne Energie erzeugen - in ihren Häusern, in Büros, in Fabriken - und diese mit anderen über intelligente dezentrale Stromnetze - „Internetze“ - teilen, so wie die Menschen heute ihre eigenen Informationen erstellen und über das Internet mit anderen teilen.
Die Geschichte ist gespickt mit Beispielen großer Kulturen, die untergegangen [...] sind, von Zukunftsvisionen, die nie das Licht der Welt erblickt haben. Diesmal jedoch [...] steht mehr auf dem Spiel. Nie zuvor sah sich die Menschheit mit der realen Möglichkeit ihres totalen Aussterbens konfrontiert; das gibt es erst seit einem halben Jahrhundert.
Während viele Ökonomen und praktisch alle Politiker das ganze letzte Jahrhundert über nicht müde wurden, die Tugenden des Kleinunternehmers zu loben, sah die Entwicklung in der wirklichen Welt von Wirtschaft und Handel ganz anders aus. Das Ölzeitalter ist von Anfang an von Gigantismus und Zentralisierung geprägt.
Das kollaborative Wesen der neuen Wirtschaft steht im fundamentalen Widerspruch zur klassischen Wirtschaftslehre, laut der das Eigeninteresse des Individuums auf dem Marktplatz der einzig effektive Weg zu wirtschaftlichem Wachstum sei.
Wir sind [...] als Nation dem Untergang geweiht, wenn wir nicht von der irrigen Auffassung abrücken, die Märkte dienten der Gesellschaft am besten, wenn der Staat sie in Ruhe lässt, während wir uns von Branchenverbänden Gesetze diktieren lassen, von denen diese auf Kosten der übrigen Gesellschaft profitieren.
Die Ideologien verschwinden. Junge Leute haben heute kaum mehr Interesse daran, die Feinheiten kapitalistischer, sozialistischer oder geopolitischer Theorie zu diskutieren. [...] Diese Generation [...] teilt die Welt eher auf in Menschen und Institutionen, die hierarchisch, geschlossen und proprietär denken, und solche, die lateral, transparent und offen denken.
Die großen Energieunternehmen können mit Fug und Recht behaupten, Washingtons mächtigste Lobby zu haben: ein Heer von über 600 registrierten Lobbyisten, eine Kraft, so einflussreich, dass sie dem Land, wenigstens bis jetzt, seine energiepolitischen „Möglichkeiten“ diktieren konnte.
[...] letzten Endes entnimmt jede Zivilisation ihrer Umwelt mehr, als sie je produzieren kann, und lässt die Erde entsprechend ärmer zurück. So gesehen sollten wir statt von einem Bruttoinlandsprodukt besser von Bruttoinlandskosten sprechen, da durch den Verbrauch von Ressourcen immer ein Teil davon künftig nicht mehr verfügbar sein wird.
Unser besessenes Bestreben nach Produktions- und Liefertempo hat seinen Preis - wir bezahlen es mit zusätzlichem Energieaufwand. Und höherer Energieaufwand bedeutet mehr verschwendete Energie und die Zunahme der Entropie in der Umwelt.
Ein lesens- und herzenswerter Beitrag zu Nachhaltigkeit, keine Frage. Trotzdem macht der Schreiber den Kardinalfehler in der Nachaltigkeitsdiskussion bei uns:
Nachhaltigkeit wird mit grün und ökologisch gleichgesetzt. Legt man das anerkannte Dreisäulenmodell zugrunde, ist das aber nicht mehr und nicht weniger als falsch.
Die Ökologie, grünes Denken hat inzwischen eine hohe Akzepptanz - völlig zu Recht. Raus aus der Atomkraft, vernünftiger mit Resourcen umgehen und vieles mehr. Das ist mehr als richtig.
Die soziale Nachhaltigkeit allerdings wird behandelt als gäbe es Hartz IV, Armut und deren schlimme menschenliche und WIRTSCHAFTLICHE Folgen nicht.
Im Gesundheitsbereich bezahlen die Steuerzahler und Beitragsversicherten das mit permanent steigen direkten und Folgekosten, ein Faß ohne Boden. Depressive Erkrankungen sind lt. WHO eine der kostenintensiven Hauptgesundheitsrisiken der Zukunft.
Depressionen kommen laut BPtK bei Arbeitslosen drei- bis viermal so häufig vor wie bei Beschäftigen! Die Ursachen sind bei näherem Hinweisen im System von Hartz IV zu suchen. Wissenschaftliche Studien und Erfahrungen von Betroffenenverbänden sprechen Bände darüber.
Kurz, das billige Hartz IV System kommt uns teuer zu stehen, ohne das es jemand wahrhaben will.
Deutschland kann es sich als rohstoffarmes Land und wegen rückläufiger Bevölkerungsentwicklung am allerwenigstens erlauben, Menschen an chronische Krankheiten zu verlieren.
Solange das wichtigste Gut im Land risikoreichen und teuren Krankheitsentwicklungen überlassen wird, braucht man soziale Nachhaltigkeit in Deutschland besser nicht in den Mund nehmen:
Kurz: Troz eines "grünen Aufbruchs" ist die Zukunft der Nachhaltigkeit in Deutschland auf Sand gebaut. Denn, soziale Nachhaltigkeit geht nicht mit diesem krankmachenden Hartz IV-System.
EMG
Ein "New green deal" könnte bei einer gut konzipierten und breit angelegten Zugänglichkeit zu einer staatlichen "grünen Konjunkturförderung" (wie es z. B. die Abwrackprämie war - geringer staatlicher Input - hoher monetärer Eigenanteil des Bürgers)zu einem spürbaren Impuls für die Wirtschaft führen und die Geschwindigkeit der zielgerichteten Erneuerung wäre sicher nicht zu vernachlässigen.
Es liegt viel geparktes Geld in Edelmetallen oder sonstig vermeintlich sicheren Anlagen. Damit meine ich nicht nur das Großkapital. Vielleicht effektiver, zumindest aber produktiver als eine ewige Bankenrettung.
Also ich habe absolut keinen Bock, kalt zu duschen. Und ob wir uns nach der Rettung des "Club Med" mit einer Staatsverschuldung, die sie Maastricht-Kriterien verletzt, so etwas wie eine Energiewende überhaupt leisten können, wage ich zu bezweifeln.
16 Kommentare
Alle Kommentare lesen