Bibliothek des Terrors
Bin Ladens kleine Deutschlandfibel

Die deutsche Wirtschaft hat einen erstklassigen Ruf – sogar bei Al-Kaida, wie ein Dokument aus der Hausbibliothek von Osama bin Laden zeigt. Er zeigte sich von deren Erfolgen fasziniert, vor allem von der Autoindustrie.
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WashingtonIn seinen letzten Lebensjahren hatte Osama bin Laden viel Zeit zum Lesen und zum Denken: Hinter hohen Mauern seiner Zuflucht in Pakistan hauste er mit minimalem Kontakt zur Außenwelt. Als US-Spezialeinheiten den Al-Kaida-Chef am 2. Mai 2011 aufspürten und erschossen, nahmen sie seine Hausbibliothek mit – und entdeckten darin auch eine Kurzstudie über die deutsche Wirtschaft. Nun haben die Amerikaner die Übersetzung veröffentlicht. „Bin Laden’s Bookshelf“ ist seit Mittwoch auf der Webseite des amerikanischen Geheimdienstkoordinators einzusehen.

Vor allem die Exporterfolge schienen bin Laden an Deutschland zu faszinieren. Er zeigte sich datenhungrig wie ein Ökonom. „Im Jahr 2008 exportierte Deutschland Güter im Wert von 955 Milliarden Euro“, heißt es in der Kurzstudie. „40 Prozent der deutschen Wirtschaft und ein Drittel aller Arbeitsplätze hängen am Export.“ Die Bundesrepublik gelte als „ökonomischer Motor Europas“. Auch eine kurze Einlassung zum Wechselkurs zwischen Euro und Dollar fehlt nicht. Unklar ist, wer die kleine deutsche Wirtschaftsfibel verfasst hat – der Terrorpate selbst oder eine dschihadistische Hilfskraft.

Besonders hervorgehoben wird die deutsche Autoindustrie, wohl auch, weil al-Qaida in ihr die Achillesferse Deutschlands sah: „Ein Boykott deutscher Autos wird zunächst dem Automobilsektor schaden“, kombiniert der Autor messerscharf. „Andere Unternehmen werden in Mitleidenschaft gezogen, BASF etwa, der größte Chemiekonzern der Welt, und auch die Stahlindustrie, beides wichtige Sektoren in Deutschland.“ Um deutsche Waren zu ersetzen, könne man auf japanische oder koreanische Produkte umsteigen, wenngleich der Verfasser mit beinahe anrührender Offenheit zu bedenken gibt: „Ich weiß nichts über Japan.“

Das Interesse an Deutschland erklärt sich aus der Beteiligung der Bundeswehr an der Nato-Mission in Afghanistan. Al-Kaida suchte nach einer Strategie, die Deutschen zum Abzug zu bewegen. Diskutiert wurde die Möglichkeit, gezielt gegen Journalisten vorzugehen. „Wenn die Medien Angst haben, bricht die Barriere zwischen der Wahrheit und den Menschen zusammen“, postuliert das Schreiben. Dies könne dazu führen, dass die Wähler „für jemanden stimmen, der die Truppen abziehen will“. Nur darum gehe es. „Die Leute werden unsere Position verstehen. So Gott will.“

Moritz Koch ist USA-Korrespondent.
Moritz Koch
Handelsblatt / USA - Korrespondent

Kommentare zu " Bibliothek des Terrors: Bin Ladens kleine Deutschlandfibel"

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  • Unterstellen Sie, dass das was da unprüfbar untergeschoben wurde, denn tatsächlich wahr ist?

    Gehen Sie etwa davon aus, dass man mal so und mal so berichten kann. Ich bezweifle gar, dass der Geheimdienst in die Veröffentlichung involviert war. Dann wären die nämlich blöder als man ihnen allgemein unterstellt.

    Und für so blöd halte ich die Verantwortlichen auch wieder nicht.

  • Es wurde genau das veröffentlicht, was der Geheimdient wollte.
    Interessante Auswahl

  • "Nun haben die Amerikaner die Übersetzung veröffentlicht. „Bin Laden’s Bookshelf“ ist seit Mittwoch auf der Webseite des amerikanischen Geheimdienstkoordinators einzusehen. "

    Unglaublich wie dreist und respektlos die USA mit ihrer Propaganda umgehen. Wäre es nicht besser gewesen, Herrn Pofalla derartige Erkenntnisse unterzuschieben?

    Sollte etwa die Veröffentlichung unter dem Label des amerikanischen Geheimdienstes für die "Richtigkeit" der geheimdienstlichen Erkenntnisse oder Abgeschliffenheit bürgen?

    Stellen Sie sich nur einmal vor, Sie sitzen tief in Afganistan und werden von den Amis gejagt. Würden Sie sich dann Gedanken über die Modellpolitik der deutschen Autoindustrie machen? So pervers können nur "amerikanische Spezialisten" denken und sich solchen Quatsch einfallen lassen.

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