Bildung: Indien führt Schulpflicht ein

Bildung
Indien führt Schulpflicht ein

Mehr als ein Drittel der indischen Bevölkerung kann weder lesen noch schreiben. Ein untragbarer Zustand, findet die Regierung - und führt eine allgemeine Schulpflicht ein. Doch die Finanzierung bleibt ungeklärt. Über die Hintergründe einer schwierigen Reform.

NEU DELHI. Indiens neue Regierung hat als erstes großes Reformvorhaben die Schulpflicht für Kinder von sechs bis 14 Jahren und das Recht auf einen kostenfreien Schulbesuch durchgesetzt. Das vom Parlament verabschiedete Gesetz schreibt Privatschulen zudemvor, mindestens ein Viertel ihrer Plätze für Kinder aus sozial benachteiligten Familien und behinderte Schüler zu reservieren.

Bildungsminister Kapil Sibal sprach von einer nationalen Aufgabe, die Indiens Zukunft prägen werde: "Wir können es uns nicht leisten, dass unsere Kinder nicht in die Schule gehen". Nichtregierungsorganisationen schätzen, dass mindestens sieben Millionen Kinder in Indien überhaupt keine Schulbildung erhalten und die Hälfte die Grundschule nicht beendet. Viele müssen stattdessen arbeiten. Mehr als ein Drittel der Bevölkerung kann nicht lesen und schreiben.

Die Lehrer in den staatlichen Schulen sind schlecht ausgebildet und unterbezahlt, die Schulgebäude oft in erbärmlichen Zustand. Laut einer Studie der Weltbank aus dem Jahr 2004 erscheint jeder vierte Lehrer an staatlichen Schulen niemals zum Unterricht. Familien, die es sich leisten können, schicken ihre Kinder deshalb auf Privatschulen. Indiens Finanzministerium warnte in seinem Wirtschaftsbericht 2008, aus der "demografischen Dividende" einer jungen Bevölkerung könne ein "demografischer Alptraum" werden, wenn man das Bildungspotenzial nicht besser ausschöpfe. 40 Prozent der Inder sind unter 18 Jahre alt.

Das neue Gesetz verpflichtet die indischen Bundesstaaten, in unterversorgten Regionen innerhalb von drei Jahren neue Nachbarschaftsschulen einzurichten, damit jedes Kind zur Schule gehen kann. Eltern oder Arbeitgeber, die Kindern den Schulbesuch verwehren, müssen eine Geldstrafe zahlen. Um das Problem verfallender Schulgebäude und arbeitsunwilliger Lehrer in den Griff zu bekommen, sollen Ausschüsse aus Eltern und Lehrern die Schulbudgets verwalten und Lohnkürzungen verhängen dürfen. Schließlich ist es laut dem neuen Gesetz untersagt, von den Eltern Aufnahmegebühren für ihre Kinder zu fordern, die oft in den Taschen örtlicher Beamter verschwinden.

Bildungsexperten fürchten allerdings Defizite bei der Umsetzung des ehrgeizigen Vorhabens. "Darüber sind wir sehr besorgt", sagte Renu Singh, Direktor der Kinderrechtsorganisation Save the Children. So ist etwa die Finanzierung zusätzlicher Schulen und der beabsichtigten besseren Lehrerausbildung in dem Gesetz nicht geregelt. Unklar ist auch, welchen Anteil der Kosten die Bundesstaaten übernehmen müssen, ein Anlass ständigen Streits in der indischen Politik.

In der vergangenen Wahlperiode gab die indische Regierung 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für Bildung aus. Damit verfehlte sie das selbst gesteckte Ziel von sechs Prozent deutlich.

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