Bildungsrevolution in Indien
„Meine Kinder sollen Ingenieure werden“

Selbst in den ärmsten Regionen Indiens entstehen Privatschulen. Kinder sollen Englisch lernen und einen guten Job bekommen – eine Bildungsrevolution hat das Land erfasst.

PEHARSAR. Maheshvari kann nicht schreiben, Lesen hat sie auch nie gelernt. Doch die junge Frau aus Ullalu Uppanagar, einer Ansammlung wackliger Strohhütten am Rand der High-Tech-Metropole Bangalore, kennt den Unterschied zwischen privaten und staatlichen Schulen. „Auf einer staatlichen Schule lernt man doch nichts“, sagt Maheshvari, „schon gar kein Englisch.“ Ihre beiden Kinder schickt sie daher auf eine private Schule. Je 3 600 Rupien im Jahr, 80 Dollar, zahlt die Näherin dafür – viel Geld in dieser Gegend, wo viele nur einen oder zwei Dollar pro Tag verdienen.

Der Nachwuchs von Indiens Unterschicht drängt auf Privatschulen – eine Bildungsrevolution erfasst das Land. In einer Studie kamen Forscher der Universität Newcastle zu dem Ergebnis, dass von 1000 Schulen in den Slums von Indiens zweiter Technologie-Metropole Hyderabad zwei Drittel privat finanziert sind. Dem Wirtschaftsforschungsinstitut NCAER zufolge gibt Bihar, Indiens rückständigstes Bundesland, nur 44 Rupien pro Jahr pro Kind für Bildung aus. Die Eltern zahlen im Schnitt das Vierfache an private Institutionen.

„Meine Kinder sollen Ingenieure werden“, begründet Maheshvari diese Ausgaben. Ob der Traum wahr wird und ihr Sohn in einem der Glaspaläste von Bangalores IT-Industrie einen Job findet, steht in den Sternen. Doch sie vertraut wie immer mehr Inder darauf, dass Kinder mit der richtigen Ausbildung die Nachteile ausgleichen können, die mit der Zugehörigkeit zu einer niedrigen Kaste verbunden sind. „Erstmals in Indiens Geschichte erkennen die Armen, dass sie aus eigenem Antrieb ihr Leben verbessern können“, sagt der Globalisierungs-Ökonom Jagdish Bhagwati.

Die schnelle Ausbreitung der Grundschulbildung „markiert den dramatischsten sozialen Wandel der jüngsten Zeit in Indien“, sagt Sanjeev Sanyal. Der Volkswirt der Deutschen Bank erwartet, dass die Alphabetisierungsrate bald 80 Prozent erreicht. Derzeit liegt sie bei etwa 66 Prozent. „Diese Bildungsrevolution wird eine große Masse billiger Industriearbeiter auf den Arbeitsmarkt werfen“, prophezeit Sanyal. Indien werde dadurch für ausländische Firmen als Forschungs- und Fertigungsstandort interessant. Bislang verdankt das Land seine hohen Wachstumsraten hauptsächlich der blühenden Dienstleistungsbranche, die der gebildeten Mittel- und Oberschicht im Vorjahr die größten realen Einkommenszuwächse weltweit bescherte.

„Mit der zunehmenden Anzahl junger Leute, die schreiben, rechnen und oft auch zumindest gebrochen Englisch können, entstehen die Voraussetzungen für den Übergang von arbeits- zu wissensintensiven Industrien“, glaubt Sanyal.

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