Bill de Blasios Wahlsieg
New York rückt nach links

Zeitenwende in New York: Bill de Blasio wurde mit großem Abstand zum neuen Bürgermeister gewählt. Der Demokrat bedient den Wunsch nach mehr sozialem Gewissen – nach 20 Jahren Wirtschaftsfreundlichkeit und Law and Order.
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New YorkEs ist ein Name, den man sich merken sollte: Bill de Blasio wird der neue Bürgermeister von New York. Mit riesigem Abstand gewann der 52-Jährige am Dienstag die Wahl in der größten Stadt der USA. Laut ersten Wahlnachbefragungen holte der linke Demokrat bis zu 73 Prozent der Stimmen, sein republikanischer Konkurrent Joe Lhota nur rund 24 Prozent. Es ist eines der deutlichsten Ergebnisse in der 8,3-Millionen-Einwohner-Metropole der vergangenen Jahrzehnte. Erstmals seit 20 Jahren bekommt New York damit bald wieder einen Bürgermeister von der Demokratischen Partei.

Und was für einen. De Blasio war mit einem Programm angetreten, das die meisten in seiner Partei inklusive Präsident Barack Obama weit links überholt. „Unsere Stadt darf niemanden zurücklassen“, sagte der Sieger am Wahlabend auf Englisch und Spanisch. Die wachsende soziale Ungleichheit will er bekämpfen, für Chancengleichheit in der Bildung sorgen, Steuern für Gutverdiener erhöhen und damit soziale Programme finanzieren. Mehr bezahlbaren Wohnraum will er schaffen, superreiche Immobilien-Investoren aus dem Ausland sind ihm suspekt.

Scharf kritisiert er auch die willkürlichen Polizeikontrollen („Stop-and-frisk“), die New York nach Ansicht ihrer Befürworter überhaupt erst so sicher gemacht haben. Selbst den weltberühmten Pferdekutschen im Central Park, die Tierschützern ein Gräuel sind, könnte der künftige Bürgermeister zu Leibe rücken. „Die New Yorker Wähler sind drauf und dran, die Occupy-Bewegung zu wählen, damit sie Amerikas größte Stadt anführt“, hatte das „Wall Street Journal“ vor der Wahl unter Verweis auf die linke Protestbewegung gewarnt.

Es ist das Anti-Programm zum 59-jährigen Herausforderer Lhota, noch mehr aber zu Vorgänger Michael Bloomberg, der die Stadt seit zwölf Jahren anführt und nicht zum vierten Mal antreten durfte. Die Wahl war deshalb auch eine Volksabstimmung über Bloombergs Bilanz: Unter der Regentschaft des Unternehmers und Milliardärs war New York aufgeblüht – die Wirtschaft boomt, die Lebensqualität stieg, die Kriminalitätsrate sank.

Doch der Aufschwung produzierte auch viele Verlierer: die Mittelschicht, die sich die guten Gegenden nicht mehr leisten kann. Die Armen, die an den Rand gedrängt wurden. Und Minderheiten, die sich von der Polizei drangsaliert fühlen. Höchste Zeit für eine neue Politik, so die Stimmung vor der Wahl. De Blasio gelang es schließlich, der wachsenden Frustration in der Stadt eine Stimme zu geben.

Wie breit die Sehnsucht war, zeigen die Statistiken vom Wahlabend. Laut einer Umfrage von Edison Research sagten 70 Prozent der Wähler, sie möchten eine andere Politik sehen als unter Bloomberg. Und wiederum 85 Prozent dieser Wechselwilligen machten ihr Kreuz bei de Blasio. Der Demokrat holte laut Nachwahlbefragungen in fast allen Milieus mehr Stimmen als Lhota – bei Reichen und Armen, bei Frauen und Männern, bei Jungen und Alten, bei Gebildeten und weniger Gebildeten.

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Ab Januar muss er sich beweisen

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  • Wenn in einer Millionenmetropole Linksliberale an der Macht sind, kann selbst eine Stadt wie New York an die Wand gefahren werden.



    Bloombergs jahrelange Bemühungen und Erfolge werden nun einfach so in die Tonne gekloppt.


  • Bei der Diskussion Links und Rechts bitte beachten, dass ein Linker in den USA bei uns immer noch weit Rechts der Konservativen anzusiedeln ist.

    Die USA sind bei weitem kein Wohlfahrtsstaat wie wir. Bei uns geht es nur noch darum, dass die Leistungen immer steigen, bei den Amerikanern geht es überhaupt um Leistungen. Und wenn staatliche Leistungen beschlossen werden dannn die geringst möglichen.

  • Sie sind zu idealistisch. Die Welt ist nicht gerecht und wird es nie sein. Leute wie Bloomberg wissen das und machen das Beste daraus. New York ist aufgeblüht und hat wieder das Gesicht erhalten, das diese großartige Stadt verdient. Das Rad wird nicht neu erfunden, auch wenn man es sich noch so sehr wünscht. Der Mensch bleibt der Mensch und die Regeln, nach denen zusammenleben funktionieren, oder eben nicht, bleiben immer die gleichen. Schade um New York.

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