Billiglohnländer
Von deutschem Exodus im Osten keine Spur

Die Löhne in den prosperierenden EU-Staaten Osteuropas steigen rasanter als im Westen. Auf der Suche nach niedrigen Arbeitskosten zieht es einzelne Firmen noch weiter nach Osten. Doch einen Massenexodus brauchen die osteuropäischen Länder der ersten Reihe nicht zu fürchten.

DÜSSELDORF. Drastisch gestiegene Löhne in Polen waren mitverantwortlich für die Schieflage des Herforder Möbelriesen Schieder. Das Familienunternehmen beantragte Insolvenz. Zuvor hatte der europäische Marktführer seit dem Fall des Eisernen Vorhangs vor 18 Jahren fast die komplette Produktion nach Polen verlegt. Schon zu kommunistischen Zeiten galt das Land als einer der wichtigsten europäischen Möbelproduzenten. Nicht nur der ehrwürdige Tischlermeister Thonet ließ dort seinen bekannten Kaffeehaus-Stuhl fertigen, auch Ikea-Chef Ingvar Kamprad baute in Polen frühzeitig eine umfangreiche Produktion auf, weil ihn heimische Hersteller boykottierten.

Ist es damit nun vorbei, weil die Löhne in den prosperierenden EU-Staaten Osteuropas rasant steigen? Die prägnantesten Beispiele bietet die Automobilindustrie. So fertigt der Nürnberger Kabelspezialist Leoni seine Kabelbäume, die sich nur mühsam von Hand zusammenstecken lassen, im ukrainischen Stryj. Der Autozulieferer WET aus Odelzhausen bei Augsburg und Spezialist für Autositzheizungen wird bis Ende dieses Jahres sein Werk in Ungarn schließen und ebenfalls in die Ukraine verlagern. Als Grund gibt Finanzchef Dieter Haap die Lohnhöhe an.

Mit einem Stundenlohn von nur einem Euro setzt die ehemalige Sowjetrepublik an Europas Außengrenze ganz neue Maßstäbe. Während der Monatslohn für einen in der Produktion beschäftigten Mitarbeiter in Deutschland 3 500 Euro beträgt, liegt der Lohn in Ungarn bei 1 100 bis 1 200 und in der Ukraine bei 150 Euro. „Angefangen haben wir 1995 in Ungarn mit 300 Euro“, sagt Haap. Vor allem im Speckgürtel rund um Budapest seien die Löhne stark gestiegen. „Ungarn wird zu teuer, wir gehen weiter nach Osten. Die Produktion in Ungarn wird WET dagegen Ende des Jahres schließen. Dafür wird ein Großteil der Entwicklung aus Deutschland nach Ungarn verlagert. „Ein Ingenieur verdient in Ungarn ein Drittel verglichen mit Deutschland“, sagt Haap. Die Grundlagenentwicklung bleibt in Deutschland.

Beispiele finden sich auch in der Ernährungsindustrie. Firmen, die bisher von Polen aus ihre osteuropäischen Märkte entwickelten, reagieren auf die höheren Löhne, zugleich auch auf den Mangel an Fachkräften. So investiert Zimbo, einer der größten deutschen Markenhersteller für verpackte Wurstwaren, rund sieben Mill. Euro in den Aufbau einer Produktion in Rumänien. Daneben baut das Bochumer Familienunternehmen ein Konzept zur Rohstoffsicherung mit Partnern der rumänischen Landwirtschaft auf. Von dort aus könnten dann weitere Zimbo-Produktionsbetriebe in Osteuropa mit Fleisch versorgt werden.

Seite 1:

Von deutschem Exodus im Osten keine Spur

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%