Blair-Berater zweifelt am Dossier
"Keine Beweise für Bedrohung durch Saddam"

Ein für den britischen Eintritt in den Irak-Krieg wichtiges Dossier enthielt einem Berater des britischen Premierministers Tony Blair zufolge keine Beweise für eine Bedrohung durch die Regierung von Präsident Saddam Hussein.

Reuters LONDON. Dies ging aus einer E-Mail von Blairs Stabschef Jonathan Powell an den Chef des Geheimdienst-Komitees John Scarlett hervor, die am Montag veröffentlicht wurde. „Das Dokument zeigt in keiner Weise eine Bedrohung, und erst Recht nicht eine akute Bedrohung, durch Saddam“, hieß es in der Mail, die Powell eine Woche vor der Veröffentlichung des Dossiers abgeschickt hatte. Damit wurde erstmals der Streit innerhalb von Blairs Stab über den Stellenwert der Geheimdienstinformationen öffentlich, die zum Krieg führten.

„Es zeigt, dass er (Saddam) die Möglichkeiten hat, aber es zeigt nicht, dass er die Motivation hat, seine Nachbarn anzugreifen, geschweige denn den Westen“, schrieb Powell. „Das Dossier ist gut und überzeugend für diejenigen, die bereit sind, überzeugt zu werden.“ Das Dossier war am 24. September 2002 veröffentlicht worden, sechs Monate vor Beginn des US-geführten Irak-Kriegs. Darin hatte Blair in einem Vorwort erklärt, Irak verfüge über chemische und biologische Waffenprogramme, die eine „ernsthafte und gegenwärtige Bedrohung“ seien. Blair steht innenpolitisch unter Druck wegen des Vorwurfs, seine Regierung habe aufgebauschte Angaben zur Begründung des Kriegs gemacht. Blair hat dies zurückgewiesen.

Die E-Mail von Powell wurde als Teil einer Untersuchung zu dem Selbstmord des Waffenexperten David Kelly veröffentlicht. Dabei soll der Lordrichter Hutton feststellen, wie es zu dem Freitod des als loyal geltenden Regierungsbeamten kam, nachdem dieser ins Zentrum einer öffentlichen und bitter geführten Kontroverse über einen BBC-Bericht zu dem Dossier geriet. Der Sender hatte berichtet, Blairs Medienchef Alastair Campbell habe das Drohpotenzial des Iraks aufgebauscht, um eine skeptische Öffentlichkeit von der Notwendigkeit des Krieges zu überzeugen. Die Regierung hat den Vorwurf zurückgewiesen. Die BBC kämpft ihrerseits inzwischen um ihren Ruf als seriöse Berichterstatterin.

Powell und Campbell werden vermutlich am Dienstag vor Hutton treten. Blair selbst hält sich zur Zeit auf Barbados auf, soll aber auch aussagen. In der vergangenen Woche ergab eine Umfrage, dass 68 % der britischen Bevölkerung glauben, die Regierung sei in ihren Aussagen zum Krieg nicht ehrlich gewesen.

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