Blair-Nachfolge
Labour leitet neue Ära ein

Der englische Finanzminister Gorden Brown gilt in seinen eigenen Reihen nicht gerade als charismatischer Sympathieträger. Allein schon deshalb trauen ihm viele in der Labour-Partei nicht das Amt des Premiers zu. Die Parteitagsdelegierte testen Schatzkanzler Brown schon mal auf seine Tauglichkeit als Nachfolger von Tony Blair.

MANCHESTER. „Time to go“ steht auf den Plakaten, die tausende Anti-Blair-Demonstranten am Sonntag vor dem Kongresszentrum in Manchester in die Höhe recken. Während die Menge draußen gegen den Irakkrieg, die Nahostpolitik der Regierung und die Privatisierung von Teilen des staatlichen Gesundheitsdienstes protestiert, eröffnet drinnen die Labour-Partei ihren spannendsten Parteitag seit Jahren. Es geht um die Zeit nach Tony Blair. Vor zwei Wochen wurde der Premier durch eine Parlamentarierrevolte gezwungen, seinen Rücktritt im Laufe der nächsten zwölf Monate zu versprechen. Nun wird spekuliert, ob sich Blair in seiner letzten Parteitagsrede am morgigen Dienstag zum Termin äußern wird.

Doch alle Augen sind längst auf Schatzkanzler Gordon Brown gerichtet, der seit 15 Jahren dem „New Labour Projekt“ als Freund und Rivale Blairs verbunden ist. Zwei Fragen stehen über dem Parteitag. Wird Brown Blairs Nachfolger? Und wird die Nachfolge einvernehmlich oder unter bitteren Flügelkämpfen und Kampfabstimmungen vollzogen?

„Brown kann es kaum noch abwarten“, sagt der Politologe Tony Travers von der London School of Economics. „Aber er hat auch ein großes Interesse, dass Blairs Partei- und Regierungsmaschinerie intakt bleibt.“ Eine Wahl der Parteispitze wird es in Manchester nicht geben – den Startschuss für den eigentlichen Führungskampf wird Blair erst geben, wenn er den Zeitplan für seinen Rücktritt bekannt gibt. Aber für Brown steht alles auf dem Spiel. Er muss versuchen, die Partei geschlossen hinter sich zu bringen, muss die Hoffnungen möglicher Gegenkandidaten zerschlagen und der Partei und dem Land demonstrieren, dass er die Autorität und Persönlichkeit für das Spitzenamt hat. Und er muss den Ruf abschütteln, ein Verschwörer zu sein, der ihm seit dem Putsch gegen Blair anhängt.

Umfragen deuten darauf hin, dass Labour auf dem besten Wege ist, die nächste Wahl zu verlieren – und dass Brown vielleicht nicht der Mann ist, den Trend umzukehren. Das Vertrauen der Briten in die Partei sei „in einer absoluten Talsohle“, sagt Travers. Blairs Popularitätsquote liegt mit minus 40 auf einem historischen Tief. Seine enge Bindung an US-Präsident George W. Bush, der Irakkrieg und der Parteifinanzierungsskandal haben Ansehen gekostet.

Die Konservativen liegen im Durchschnitt der Umfragen um gut vier Prozentpunkte vor Labour. In der kommenden Woche präsentieren sie sich auf ihrem Parteitag verjüngt, mit neuem Logo und ihrem populären, erst 39 Jahre alten Parteichef David Cameron. Laut einer ICM-Umfrage für den „Guardian“ glauben 44 Prozent der Befragten, die 2005 voll hinter Labour standen, dass der Partei inzwischen die Ideen ausgegangen sind. Und in den nach dem Mehrheitswahlrecht alles entscheidenden 100 Wahlkreisen mit den meisten Wechselwählern wollen 72 Prozent der Briten einen Regierungswechsel.

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