Blair wird den Schatten des Irak-Krieges nicht los
Ein demütiger Sieger

Tony Blair hat seinen eigenen Wahlkreis gewonne, doch so machen jungen Staatssekretär hat es bei der Unterhauswahl aus der Kurve getragen. Und für die Konservativen ist längst nicht alles schwarz in schwarz.

LONDON. Bleich und angeschlagen sieht Tony Blair aus, als er gegen viertel vor zwei in der Nacht zum Freitag mit seiner Frau Cherie aus der dunklen Limousine steigt, um das Ergebnis in seinem Wahlkreis Sedgefield entgegenzunehmen. Sein mühsames Lächeln verzerrt sich zum Grinsen. Dabei deuten doch die Hochrechnungen auf eine ungefährdete, wenn auch reduzierte Labour-Mehrheit im Unterhaus hin. Wie jeder andere Abgeordnete auch stellt sich Blair eine halbe Stunde später in einem schlichten Versammlungsraum der Gemeinde auf die Bühne. Nur ist seine Bühne viel voller als gewöhnlich. 15 Kandidaten statt der üblichen drei oder vier sind in seinem Heimatwahlkreis gegen ihn angetreten – um ihm, dem Irak-Krieger, das Leben schwer zu machen.

Dann die Erleichterung: 24 421 Stimmen, vollkommen ungefährdet gewinnt er seinen persönlichen Wahlkampf, baut sogar gegen den Trend seinen Vorsprung aus. Doch kein Anflug von Triumph ist zu sehen. Ein ernsthafter, angespannter Premierminister hält die obligatorische Dankesrede. „Die Menschen wollten uns wiederhaben, aber mit einer reduzierten Mehrheit“, sagt Blair. „Wir haben ihre Stimme gehört und wir werden weise, vernünftig und verantwortlich reagieren.“ Diese Sätze wird er den ganzen Morgen wiederholen. Doch der schwerste Teil kommt erst danach, als Reg Keys seine Dankesrede hält. Er hat seinen Sohn im Irak verloren und nun als Ein-Mann-Protestpartei zehn Prozent der Sedgefielder Stimmen gsewonnen. Blair steht mit versteinerter Miene hinter ihm und schluckt, als Keys sagt, er wünschte sich, dass sich Blair endlich für den unrechtmäßigen Krieg entschuldigen würde.

Das Thema Irak, es hat Blair in der heißen Phase des Wahlkampfes nicht verlassen. Immer wieder stellte er sich in hitzigen Diskussionsrunden emotionalen Angriffen aus dem Publikum und wich nicht einen Millimeter zurück. Doch seine Appelle an die treuen Labour-Anhänger, nicht mit Proteststimmen für die Liberaldemokraten konservativen Kandidaten ins Amt zu helfen, haben nicht den erhofften Erfolg. Das deutet schon die Prognose an, die die BBC direkt nach Öffnung der Wahllokale um 22 Uhr veröffentlicht. 66 Sitze Mehrheit für Labour, fast hundert weniger als vor vier Jahren. 44 Sitze mehr für die Konservativen und nur zwei mehr für die Liberaldemokraten. Diese Tendenz hält sich bis zum Morgen.

Ein Wahlkreis nach dem anderen wird ausgezählt, doch ein einheitliches Bild stellt sich lange nicht ein. Konservative und Liberaldemokraten gewinnen Sitze von Labour, doch nehmen sich auch gegenseitig Wahlkreise ab. Die Labour-Minister kommen durch, als erster Gordon Brown in seinem schottischen Wahlkreis Kirkcaldy. Den einen oder anderen jungen Staatssekretär trägt es allerdings aus der Kurve. Und auch in dem besonders heftig umkämpften Ost-Londoner Stadtteil Bethnal Green setzt sich der Protest-Kandidat George Galloway gegen die junge Labour-Politikerin Oona King durch.

Um viertel nach drei wirkt Tony Blair im Trimdon Labour Club schon wieder kämpferisch, ist sogar zu Scherzen mit seinen Wahlkampfhelfern aufgelegt. „Ich bin so stolz, dass ich die Mehrheit im Wahlkreis ausgebaut habe und dass wir die historische dritte Amtszeit geschafft haben“, freut er sich. 22 Stimmen hat Labour bis dahin verloren, 15 haben die Konservativen gewonnen und fünf die Liberaldemokraten.

Danach reist Blair nach London zur zentralen Wahlparty. Auch dort überlässt ihm um sechs Uhr morgens Gordon Brown, mit dem er im Wahlkampf schon fast als Doppelspitze aufgetreten war, die Bühne. Begeistert wird Blair von Hunderten von Wahlkämpfern gefeiert, und hier strahlt er endlich für Momente ganz gelöst.

Sein Herausforderer Michael Howard hat da schon längst seine Niederlage eingestanden. Doch es ist nicht alles schwarz in schwarz für die Konservativen. Gerade in London und rund um die Hauptstadt erleben sie ein Comeback, holen einen Sitz nach dem anderen in bürgerlichen Stadtteilen zurück. Den Anfang macht in Putney im Südwesten Londons die blonde Finanzmanagerin Justine Greening. Doch für mehr als einen Achtungserfolg reicht es nicht. „Wir haben einen bedeutenden Schritt zu unserer Rückkehr gemacht“, sagt Howard.

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