Blutige Proteste
Ägypten im Griff der Gewalt

In mehreren Landesteilen regierte in der Nacht auf Samstag die nackte Gewalt. Hunderte Verletzte, zahlreiche Tote: Bis zum Morgen tobten Straßenschlachten zwischen Anhängern und Gegnern des gestürzten Präsidenten Mursi.
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Kairo/WashingtonOffener Machtkampf am Nil: Nach dem Sturz des ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi liefern sich Anhänger und Gegner des Islamisten blutige Straßenschlachten mit vielen Toten und Verletzten. Bei den Massenprotesten nach den Freitagsgebeten starben nach Angaben des Gesundheitsministeriums mindestens 30 Menschen, davon 16 durch Schüsse. Mehr als 1100 weitere wurden am Abend oder in der Nacht zum Samstag verletzt. Der von den Islamisten ausgerufene „Freitag der Ablehnung“ endete im Chaos. Mursis Anhänger wollen so lange mobil machen, bis ihr gestürzter Präsident wieder im Amt ist.

Bei der Berichterstattung über die Unruhen wurde der britische BBC-Journalist Jeremy Bowen angeschossen. Im Kurznachrichtendienst Twitter wurde ein Foto des Fernsehreporters veröffentlicht, das ihn mit einem Kopfverband zeigt. „Ich bin von ein paar Gewehrkugel-Splittern getroffen worden“, schrieb Bowen via Twitter.

Die meisten Opfer gab es in der Hafenstadt Alexandria, wo nach Berichten der Nachrichtenagentur Mena allein 12 Menschen starben und weitere 200 verletzt wurden. Unterdessen nahmen Sicherheitskräfte in Kairo den stellvertretenden Führer und Hauptfinanzier der Muslimbruderschaft, Chairat al-Schater, fest. Ihm wird Anstachelung zur Gewalt vorgeworfen.

Zuvor hatte am Freitag der Chef der Bruderschaft, Mohammed Badie, die Stimmung zwischen den verfeindeten Lagern aufgeheizt. In einer kämpferischen Rede vor einer Kairoer Moschee forderte er, Mursi freizulassen und wieder als Präsidenten einzusetzen. Dafür sei es auch wert, sein Leben einzusetzen. Das Militär rief er auf, nicht auf das Volk zu schießen. Ohnehin seien die Demonstranten mächtiger als Panzer: „Unsere nackte Brust ist härter als Kugeln.“ Sein Auftritt kam überraschend. Denn am Donnerstag hatte es in Sicherheitskreisen noch geheißen, Badie sei festgenommen worden.

Blutige Zusammenstöße zwischen Anhängern und Gegnern Mursis, der seine Wurzeln in der Muslimburderschaft hat, wurden neben Alexandria auch aus Kairo, Suez sowie aus den Nil-Delta-Provinzen Damietta und Beheira gemeldet. Schwere Zwischenfälle ereigneten sich auch auf der Halbinsel Sinai. Nach Angaben von Ärzten wurden bei mehreren Angriffen insgesamt fünf Polizisten getötet. Hier war aber unklar, ob eine direkte Verbindung zum Sturz des Präsidenten bestand. Das Gebiet ist seit der Revolution, die den langjährigen Machthaber Husni Mubarak 2011 zu Fall brachte, extrem unsicher. In der Nacht beruhigte sich die Lage in allen Landesteilen.

In Alexandria konzentrierten sich die Krawalle am Abend auf den Stadtteil Sidi Gaber. Starke Einheiten von Armee und Polizei hätten versucht, Gegner und Anhänger des Islamisten Mursi zu trennen, berichtete die Onlineausgabe der staatlichen Zeitung „Al Ahram“.

Drei Tote gab es Medienberichten zufolge in der Hauptstadt Kairo. Zwei Mursi-Unterstützer wurden vor einem Offiziersheim der Republikanischen Garde im Stadtteil Heliopolis in der Nähe des Präsidentenpalastes getötet, wie „Al Ahram“ meldete. Ein weiteres Todesopfer gab es nach Angaben des staatlichen Fernsehens am Abend bei Straßenschlachten im Zentrum Kairos. 66 Menschen seien dort verletzt worden.

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  • @ Ludwig500

    Fast alles richtig bis auf:

    "Statt Glück im Jenseits..."

    Dieser Spruch wurde erfunden, um den Menschen das durch Herrscher jeglicher Art und ihre Gier aufdoktrierte karge Dasein schmackhaft zu machen und sie ruhig zu halten, indem man ihnen ein besseres Leben nach dem Tod verspricht. ;-)

    Streben sollte man nach einem erfüllten Leben, Frieden und Freiheit im Diesseits, nicht im "erfundenen" Jenseits.
    Leider wird einem das nicht beigebracht, das muss man selber erkennen und das ist nicht immer leicht. Schließlich wird man ja, egal wo man lebt, ab der Geburt in eine bestimmte Richtung konditioniert. Diese Konditionierung muss man erst durchbrechen, um sich selbst zu finden ;-)

  • Ja ja, die Religionen, gäbe es sie nicht, man sollte sie nicht erfinden. Die ach so vorbildliche Demokratie Europas huldigt den Göttern Wachstum, Märkte, Schulden und Zins. Statt Glück im Jenseits strebt man nach Macht und Ansehen im Diesseits, erzeugt durch Geld, "Liebe deinen nächsten" heisst jetzt "Rette deine Banken", Beruhigung der Märkte und Schutz einer Währung statt Frieden und Nahrung für das Volk. Und auch der Fanatismus der Prediger unterscheidet sich nicht.

  • @ Freiheit

    Ja, so sieht es aus.

    Das hat aber nichts mehr mit Religion zu tun, sondern mit Fanatismus. Die "Religion" ist hier nur vorgeschoben um Kampf und Tod zu rechtfertigen und andere Unterdrücken und Beherrschen zu können.

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