Blutige Unruhen
Brasilien in Angst

Ein geheimnisumwitterter Mann mit ungewöhnlich großer Nase hält Brasilien in Atem. Marcos Camacho ist Boss der berüchtigten Mafiagruppe PCC. Mit Hilfe von tausenden Getreuen aber auch korrupten Politikern zieht er von einer Gefängniszelle aus die Strippen. Auch die blutige Attentatsserie in Sao Paulo geht auf sein Konto. Der Staat gibt sich hilflos.

co SAO PAULO. Anschläge auf Polizeiwachen, Militäranlagen und Patrouillenwagen, fast 100 Tote, eine verängstigte Bevölkerung - das ist die Bilanz der vergangenen vier Tage im brasilianischen Sao Paulo. Die Mafiagruppe „Primeiro Comando da Capital“ (PCC, Erstes Hauptstadt-Kommando) versetzt die Millionenmetropole derzeit in Angst und Schrecken. An ihrer Spitze steht ein Mann, der bereits im Gefängnis sitzt, aber von dort aus ungestört weiter den Südosten Brasiliens terrorisiert.

Der wegen Bankraubs zu 44 Jahren Haft verurteilte Marcos Camacho hat nach Erkenntnissen der Behörden die Attentatsserie auf Sicherheitsbeamte angeordnet. PCC hat in fast allen Gefängnissen im Süden Brasiliens das Sagen. Der Gruppe gehören Tausende Gefangene an. Sie arbeiten nach amtlichen Angaben mit rund 1800 korrupten Wächtern und Polizisten zusammen, betreiben Drogen- und Waffenhandel. Die Bande habe schwere Waffen und ein Vermögen von rund 40 Millionen Euro, schätzte einmal die Zeitung „O Globo“. Verschiedene Abkommen mit ranghohen Beamten und Politikern sollen das Geschäft zusätzlich am Laufen halten.

Die Macht der seit 1993 bestehenden Gruppe wurde erstmals im Februar 2001 deutlich, als sie den größten Gefängnisaufstand der brasilianischen Geschichte organisierte. In 29 Haftanstalten Sao Paulos rebellierten 22 000 Häftlinge mehrere Tage lang, um bessere Haftbedingungen zu erreichen. Es gab 20 Tote. Der dreiste Verbrecher- Ring, der in den Slums Flugblätter und T-Shirts verteilt, hat nicht nur Profit im Sinn. Es gibt auch gesellschaftspolitische Ziele und ein Statut. In Punkt 14 heißt es, man wolle „das Vollzugssystem destabilisieren, um Gerechtigkeit zu bekommen“.

Fotostrecke: Gewalteskalation in Sao Paulo

Nährboden der Terror-Konzerne sind Armut und ungerechte Einkommensverteilung „draußen“ und die miserable Lage in den Gefängnissen. Anstatt Insassen zu resozialisieren und Verbrechen vorzubeugen, sind die Gefängnisse im größten Land Lateinamerikas zum Zentrum des organisierten Verbrechens geworden. „Unsere Anstalten sind wahre Menschenlager, Schulen des Verbrechens, Fabriken von Rebellionen“, sagt Staatsanwalt Fernando Capez. Gar von „Konzentrationslagern“ sprach die brasilianische Anwaltskammer (OAB).

Die meisten Gefängnisse sind hoffnungslos überfüllt. Gebaut wurden sie für rund 100 000 Häftlinge, inzwischen haben sie aber weit mehr als 230 000 Insassen. Die Zahl der Häftlinge soll bis Ende 2007 nach verschiedenen Schätzungen sogar auf 500 000 steigen. Zehntausende warten in Polizeigefängnissen und -wachen teils Jahre lang auf einen Prozess, wenn sie nicht sogar völlig von der Justiz vergessen werden.

Seite 1:

Brasilien in Angst

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%