Bluttaten
Angst vor der „kenianischen Katastrophe“

Die Bilder erinnern an grausame Bluttaten, wie sie so nur allzu oft in Ländern der Nachbarschaft verübt wurden. Doch Kenia galt immer als nettes Strand- und Safari-Ländle. Doch kenner kann es kaum überraschen, dass das Land am Rande des Abgrunds steht.

HB LONDON/NAIROBI. Nun schrecken Berichte über verbrannte Menschen die Welt auf. Ermordet wurden sie allein dafür, dass sie Kikuyu waren – also dem Volk des Präsidenten Mwai Kibaki angehörten, dem Oppositionsführer Raila Odinga vom Volk der Luo wohl nicht zu Unrecht vorwirft, Kenias Wahlen gefälscht zu haben.

Hektisch wird nun zwischen Regierungen in westlichen Hauptstädten – und von dort mit den Kontrahenten in Kenia – telefoniert. „Versöhnt Euch!“, lautet die Forderung an Kibaki und Odinga. Gordon Brown, der Premierminister der ehemaligen Kolonialmacht Großbritannien, brachte sogar den Vorschlag einer Regierung der nationalen Einheit ins Spiel. Nichts wäre peinlicher für die Afrika-Politik des Westens, die im letzten Sommer beim G8-Gipfel neu beschworen wurde, als eine sich ausweitende „kenianische Katastrophe“.

Dass die tatsächlich droht, dass selbst das Urlauberparadies Kenia wie vorher viele andere Staaten des „Schwarzen Kontinents“ im Chaos versinken könnte, hat Kenias Polizeisprecher Eric Kirathi unfreiwillig, aber eindrucksvoll deutlich gemacht: „Dies ist das allererste Mal“, sagte er sichtlich erschrocken, „dass eine Gruppe der Bevölkerung bei uns eine Kirche angegriffen hat. Eine derartige ungezügelte Brutalität hätten wir hier niemals erwartet.“

Dennoch kann es Kenia-Kenner im Westen kaum überraschen, dass das Land am Rande des Abgrunds steht. Es gab immer wieder Warnsignale für eine sich vertiefende gesellschaftliche Krise. Doch sie fanden nie das Ausmaß an Beachtung, das sich besorgte kenianische Intellektuelle und Patrioten wie der Journalist John Githongo gewünscht hatten.

Er hatte seine Stimme schon zu Zeiten des Kibaki-Vorgängers Daniel arap Moi gegen die maßlose Bereicherung einer kleinen Schicht „fetter Katzen“ in Kenia auf Kosten der bettelarmen übergroßen Mehrheit erhoben. Weit mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt heute - mehr als vier Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit - unterhalb der Armutsgrenze.

Anfangs hatte Kibaki, der vor seiner ersten Wahl im Dezember 2002 den Kampf gegen die Korruption versprach, sich mit Männern wie Githongo geschmückt. Er machte ihn zum Chef einer neuen Anti- Korruptions-Behörde. Drei Jahre später floh Githongo, der wie Kibaki dem Kikuyu-Volk angehört, vor seiner eigenen Regierung nach London.

Was er mitbrachte, waren Unterlagen, die das Ausmaß der korrupten Machenschaften auch unter Kibaki enthüllten. Er hoffte, dass die sogenannten Geberländer die Notbremse ziehen, der Regierung in Nairobi den Geldhahn zudrehen und ultimativ eine Austrocknung des Korruptionssumpfes sowie mehr soziale Gerechtigkeit verlangen würden. Doch Politiker im Westen begnügten sich mit starken Worten und symbolischen Gesten. „Sie glaubten nicht, dass eine Kraftprobe mit Kenias Baronen der Korruption letztendlich in ihrem Interesse stehen würde“, schrieb der Afrika-Kenner Michael Holman am Mittwoch in der Londoner „Financial Times“.

Als Hauptgrund sieht er wie viele andere politische Beobachter, dass Kenias Herrscher – wie korrupt und menschenverachtend sie auch sein mögen – es stets verstanden, sich unter Hinweis auf radikal-islamische Gefahren in Somalia und anderen Ländern der Region als „Verbündete im Krieg gegen den Terrorismus“ anzudienen. „Angesichts der langfristigen Militärabkommen der USA und Großbritanniens mit Kenia“, so Holman, habe der Westen nicht gefährden wollen, was er als „Insel der Stabilität“ angesehen habe. Nun fragen sich viele, ob die Insel nicht doch untergehen könnte.

Kenia ist eines der beliebtesten Reiseziele in Afrika. Die Nationalparks mit ihrer einzigartigen Tierwelt, die Küste mit quirligen Ferienorten wie Mombasa, die Hauptstadt Nairobi mit ihrem pulsierenden Nachtleben, das Naturdenkmal des Großen Grabenbruchs und viele Sehenswürdigkeiten mehr locken Jahr für Jahr über eine Million Urlauber ins Land. Der Tourismus beschert dem ostafrikanischen Land jährliche Einnahmen von gut 600 Mill. Euro und ist ein bedeutender Wirtschaftszweig.

Doch die jüngsten Unruhen nach der Präsidentschaftswahl haben dem florierenden Tourismusgeschäft einen herben Dämpfer versetzt – und das ausgerechnet zur Hauptreisezeit. „Die Läden sind geplündert, Autos und Häuser wurden in Brand gesetzt, Straßen wurden versperrt“, berichtet der Polizeichef von Mombasa, Wilfred Mbithi.

Viele Touristen trauen sich aus Sorge vor den Krawallen nicht mehr aus dem Hotel. „Ich habe die ganze Zeit in meinem Hotelzimmer verbracht“, berichtet Amel B. aus Deutschland. „Ich konnte nicht zur Safari aufbrechen oder sonst etwas unternehmen, nachdem ich von meiner Reiseleitung erfahren habe, dass es da draußen nicht sicher ist.“

Die Millionenmetropole Nairobi gleicht einer Geisterstadt. „Jedes Geschäft in Nairobi ist jetzt geschlossen“, klagt der Ladeninhaber Madhu Shah. „Wenn man sich einmal das Gesamtbild vor Augen führt, dann ist das ein Riesenverlust an Arbeitszeit und Produktivität. Ich hätte nie gedacht, dass einmal so etwas bei uns in Kenia passieren könnte.“

Angesichts der Unruhen rät die Bundesregierung, über einen Aufschub geplanter Einzelreisen nach Kenia nachzudenken. Eine offizielle Reisewarnung für das ostafrikanische Land gibt es jedoch nicht. Auch die USA haben ihre Bürger vor Reisen nach Kenia gewarnt, außer in unaufschiebbaren Fällen. Die britische Regierung warnte vor Reisen in bestimmte Regionen.

Die heimische Geschäftswelt leidet ebenfalls unter den Folgen der Unruhen. In der Bar „The Hood“ hatte man sich auf Silvester als einen der umsatzstärksten Tage im Jahr gefreut. Doch die Wirtschaft blieb wegen der Unruhen geschlossen, wie Chef Lawrence Mwatha berichtet. „Das Jahr hat für uns ganz mies begonnen.“

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