Börsengang möglich
Japan privatisiert seine Post

Die japanische Post wurde am Wochenende quasi über Nacht privatisiert. Das Projekt, von höchster Stelle auf den Weg gebracht und durchgesetzt, hat nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Politik teils hohe Wellen geschlagen. Dabei ist die Post noch immer zu 100 Prozent Staatskonzern – noch.

TOKIO. Eine Heerschar von Mitarbeitern und Handwerkern in Japan machte sich am vergangenen Wochenende über die 24 000 staatlichen Postämter her – und verwandelte sie in private Postfilialen. Die Arbeiter schraubten Schilder, klebten Folien und ersetzen Formulare. Statt in japanischen Schriftzeichen „Postamt“ steht jetzt überall in schlanker Optik und westlichen Schriftzeichen „JP“ dran – „JP“ für „Japan Post“. Und sämtliche Zweigstellen, auch die sonst 24 Stunden geöffneten ehemaligen Hauptpostämter, schlossen mehrere Stunden für eine komplette Inventur: Der neue Privatkonzern soll bis zur letzten Briefmarke wissen, was ihm gehört.

Seit dem gestrigen Montag ist der erste Schritt für ein Projekt getan, mit dem Japan sich extrem schwer tut. Denn durch die Privatisierung werden nicht nur aus 240 000 Beamten normale Angestellte. Mit Japans Postbank muss sich plötzlich die weltgrößte Bank nach Kundeneinlagen am Markt bewegen – ohne die gewohnten Staatsgarantien. Und wie in Deutschland 1995 ist die Palette der Hoffnungen wie der Befürchtungen extrem weit: Ohne Vater Staat im Rücken ist Omis Rentenversicherung nicht mehr sicher, lautet beispielsweise eine Sorge. Und hat nicht das Beispiel anderer Länder gezeigt, dass auf dem Land Schalter und Briefkästen verschwinden, wenn plötzlich Controller über die Umsatzrendite wachen?

Auch politisch bleibt das Thema heiß, obwohl die schlimmsten Kämpfe schon ausgefochten sind. Japans Reformpremier Junichiro Koizumi musste 2005 sein ganzes politisches Gewicht einbringen, um das Postprivatisierungsgesetz gegen das Establishment durchs Parlament zu bringen. Er drohte nicht nur mit Rücktritt, er berief kurzerhand Neuwahlen ein und zwang die mächtigen Gegner des Projekts mit einer neuen, komfortablen Mehrheit nieder. Einige Querschläger drängte er komplett aus der Partei. Denn Postorganisationen waren in zahlreichen Wahlkreisen Stimmenmaschinen – eine japanische Besonderheit, die jetzt vorbei ist.

Außerdem trat die Postsparkasse als verlässlicher Käufer japanischer Staatsanleihen auf, obwohl diese schon seit sieben Jahren kaum Zinsen bringen: Die 188 Bill. Yen (1,1 Bill. Euro) Spareinlagen sind zu 80 Prozent in Renten investiert. Als Privatunternehmen wird die Bank ihre Anlagen renditeorientierter streuen müssen, dem Finanzminister damit jedoch nicht mehr als zuverlässiger Finanzier beispringen können.

Noch schwerer wiegt aber aus Sicht vieler Politiker: Die Privatisierung ist Symbol dafür, dass sich Japan in Richtung Marktwirtschaft, Eigeninitiative, mehr Risiko bewegt. Das sagt weder dem einfachen Volk noch Teilen der ewigen japanischen Regierungspartei LDP sonderlich zu, die sich in einer kuscheligen Konsensgesellschaft besser aufgehoben sehen.

Vorerst besteht jedoch zumindest für die Postkunden nur wenig Gefahr einer plötzlichen Änderung. Denn die am Montag geborene Holding gehört zu 100 Prozent dem Staat, der seinen Anteil erst über einen Zeitraum von zehn Jahren auf minimal ein Drittel zurückfahren will. Ein Börsengang soll frühestens 2009 möglich sein. Und die Briefbeförderung in der „Japan Post Service“ sowie der Schalterbetrieb in der „Japan Post Network“ sollen auf unbestimmte Zeit öffentliches Eigentum bleiben, um Qualität und vor allem Flächendeckung der Dienste zu garantieren. „Für Sie als Kunden ändert sich nichts!“, versichern Plakate und Wurfsendungen.

Den größten Einfluss wird die laufende Privatisierung daher kurzfristig in der Finanzwelt haben, wo sich die neue „Japan Post Bank“ zwangsläufig wie ein Elefant im Porzellanladen bewegen muss. Inklusive der Lebensversicherungssparte sitzt sie auf über 300 Bill. Yen anzulegendem Kapital. Das ist vermutlich der weltweit größte Schatz eines einzelnen Privatunternehmens und stellt selbst die zusammengenommenen Einlagen der drei für ihre hohe Bilanzsumme berüchtigten japanischen Megabanken in den Schatten. Die Postbank hat jedoch wegen der politisch einst gewollten Fixierung auf Staatspapiere kaum Erfahrung mit Investments und raffinierten Produkten.

Das ungelenke Großinstitut wird sich private Partner mit dem nötigen Branchenwissen suchen müssen. Bisher machen beispielsweise die Investments der Postbankkunden in Investmentfonds mit einer guten Billion Yen nur einen Bruchteil der Einlagen aus. Gruppenchef Yoshifumi Nishikawa deutete bereits eine Kooperation mit einem mittelgroßen Institut, der Suruga Bank, an. Die Angestellten an den Postschaltern sollen Hypothekenkredite der auf Immobilien ausgerichteten Bank verkaufen. Auf dem Weg zur Privatbank fehlt jedoch noch völlig, was moderne Grundausstattung ist: „Sie müssen möglichst schnell Systeme für Risikokontrolle, die Befolgung der Finanzmarktspielregeln und Haftungsfragen aufbauen“, sagt Bankenexperte Hiroshi Hosoda von Investment Information Inc. aus Tokio.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking
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