Boris Jelzin
Das Ende einer Epoche

Boris Jelzin ist beigesetzt. Der Rebell gegen die Herrschaft der KPdSU wollte nicht wie deren einstige Generalsekretäre bestattet werden - und schon gar nicht in der Nähe Stalins. Seine letzte Ruhe fand der Vorkämpfer für Demokratie und Marktwirtschaft in Russland nun ausgerechnet neben Raissa Gorbatschowa.

BERLIN. Blaulichter und gepanzerte Fahrzeuge. Die Eskorte des Gefangenentransporters bahnte sich auch am Mittwoch ihren Weg durch die sibirische Industriestadt Tschita. An Bord: Der zu mehrjähriger Lagerhaft verurteilte, aber wegen neuer Geldwäsche-Vorwürfe erneut täglich von der Staatsanwaltschaft verhörte, gefallene Oligarch Michail Chodorkowskij. Für einen der größten Günstlinge der Herrschaft Boris Jelzins war nicht einmal am Tag der Beerdigung des ersten frei gewählten Präsidenten Russlands Pause im Prozess.

Dabei wurde für den Ölbaron und einstigen Chef des Yukos-Konzerns eine Epoche endgültig begraben: Mit dem Tod Jelzins am Montag starb auch der Oligarchen-Kapitalismus in Russland. Die Oligarchen wurden durch die umstrittene Privatisierung zum Spottpreis Herren über die industriellen Filetstücke des zerberstenden Riesenreichs. Am Grab des im Alter von 76 Jahren an Herzversagen verstorbenen einstigen Gönners ließen sich aber kaum einige seiner früheren Günstlinge öffentlich blicken. Dafür standen 20 000 Russen stundenlang Schlange, um noch einmal am offenen Sarg des streitbaren Politikers vorbeizuziehen und ihn so zu ehren.

Und es kamen Jelzins weltweite Wegbegleiter zur Trauerfeier in die Christus-Erlöser-Kathedrale in Moskau. Der frühere Chef des Weißen Hauses, George Bush sen., erwies ebenso wie Großbritanniens Ex-Premier John Major dem früheren Kremlherrn die letzte Ehre. Der einstige US-Präsident Bill Clinton legte Jelzins Witwe Naina in der schweren Stunde den Arm der Hilfe um die Schulter. Für Deutschland kondolierte Bundespräsident Horst Köhler.

Nie zuvor im post-sowjetischen Russland war in Moskau ein hoher Staatsführer in der Kirche betrauert worden. Aber Jelzin war nicht nur bei dieser Rückkehr zur Zaren-Tradition sogar noch im Tod wieder einmal der Erste. „Erstmals seit der Revolution verfahren wir wieder nach der vor der Revolution üblichen orthodox-rechtgläubigen Tradition Russlands“, sagte Russlands Zeremonienmeister Georgij Wilinbachow. Dabei ist Jelzin – im Gegensatz zu seinem Nachfolger Wladimir Putin – nie durch öffentlich zur Schau gestellte Frömmigkeit bekannt geworden.

Von der Kathedrale ging es zum Neujungfrauen-Kloster. Denn eine Beisetzung an der Kremlmauer hatte Jelzin noch zu Lebzeiten abgelehnt. Seine letzte Ruhe fand Jelzin nun ausgerechnet neben Raissa Gorbatschowa – der Frau seines früher erbittertsten Widersachers im Kampf um die Macht, Michail Gorbatschow. Der hatte bereits am Montag mit einer Geste der Versöhnung den Hinterbliebenen des früheren Erzrivalen kondoliert.

Als Jelzins Sarg ins Grab gesenkt wurde, feuerte eine Artilleriebatterie drei Salven Salut für den früheren Oberbefehlshaber der russischen Armee ab, ein Militärorchester spielte die Nationalhymne für das verstorbene Staatsoberhaupt am Grab. Ins Neujungfrauen-Kloster war Jelzins auf einer Lafette aufgebahrter Sarg ausgerechnet von einem Panzerwagen gezogen worden. Als sollte noch einmal daran erinnert werden, dass neben den Verdiensten um die Freiheit auch die zwei Kriege gegen die abtrünnige Republik Tschetschenien auf sein Konto gehen.

Jelzin sei aber „unumstritten eine große Persönlichkeit“ gewesen, rief der weiß gewandete Pope beim Trauer-Gottesdienst aus: „Egal wie man Jelzins Wirken beurteilt, er versuchte eine Befreiung vom Unrecht.“ Doch der vom Untergang der Sowjetunion 1991 bis zum letzten Tag des Jahres 1999 in Russland herrschende Jelzin ist in seiner Heimat keineswegs unumstritten: Viele werfen ihm bis heute vor, er habe zur Verarmung breiter Teile der Bevölkerung beigetragen und eben nur wenige – die von ihm faktisch geschaffene Klasse der Oligarchen – reich gemacht.

Doch dass er nicht mit Hammer und Sichel auf dem Sarg, sondern mit der weiß-blau-roten russischen Trikolore beerdigt wurde, ist sein eigenes Verdienst: Jelzin war der Totengräber des Kommunismus und das Symbol von Freiheit im größten Land der Erde.

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