Brasilien
Das neue Wunderland

Im Kreis der Schwellenländer steht Brasilien oft im Schatten von China oder Indien. Aus Sicht der deutschen Wirtschaft zu Unrecht, denn die Geschäfte mit dem Bric-Staat laufen prächtig. Daran wird auch der Wechsel an der Staatsspitze Anfang Oktober nichts ändern.
  • 1

SÃO PAULO. Um 61,3 Prozent konnten deutsche Exporteure ihre Ausfuhren nach Brasilien im ersten Halbjahr gegenüber dem Vorjahr steigern. Da viele deutsche Konzerne längst Ableger in Brasilien haben, die rund zehn Prozent zur Industrieproduktion des Landes beitragen, profitiert die deutsche Wirtschaft derzeit gleich doppelt vom Boom der größten Volkswirtschaft Lateinamerikas. Die wird in diesem Jahr mit voraussichtlich sieben Prozent so stark wachsen wie seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr. Und der Aufwärtstrend ist stabil: Fünf Prozent Plus über die nächsten zehn Jahre erwartet etwa die Deutsche Bank.

Schlüsselpositionen in der Industrie

"Deutsche Unternehmen haben in Brasilien wie nirgendwo sonst auf der Welt Schlüsselpositionen in der Industrie", sagt Peter Rösler vom Lateinamerika-Verein. "Sie haben dort mehr in Automobilbau, Chemie, Pharmazie, Elektrotechnik und Maschinenbau investiert als in China." São Paulo gilt mit 800 Konzernen mit deutscher Beteiligung gar als weltweit größte deutsche Industriestadt.

Wie wichtig Brasilien für deutsche Konzerne geworden ist, merken etwa Thyssen-Krupp-Aktionäre, wenn die Aktie plötzlich einen Kurssprung machte. Zum Beispiel im August, als die Meldung kam, dass das neue Stahlwerk des Konzerns in der Nähe von Rio de Janeiro früher anlaufen soll als erwartet. Die Stahlhütte für rund fünf Mrd. Euro ist derzeit Thyssens größtes ausländisches Investitionsprojekt weltweit.

Auch für Volkswagen wird die angestrebte Marktführerschaft auf dem viertgrößten Pkw-Markt der Welt immer wichtiger für die Bilanz des Gesamtunternehmens. Chemiekonzerne wie Bayer und BASF sehen die Agrarmacht Brasilien als einen der wichtigsten Wachstumsmärkte überhaupt, für Lanxess ist das Land drittwichtigstes Absatzgebiet: "Wir wachsen hier zweimal so schnell wie die Gesamtwirtschaft", sagt Landeschef Marcelo Lacerda.

Siemens hofft, beim milliardenschweren Infrastrukturprogramm der Regierung zum Zuge zu kommen: Flughäfen, Straßen, Häfen, Stromversorgung, Schienenwege und das Telekomnetz werden modernisiert. Brasilien ist derzeit neben China die größte Baustelle weltweit. Die Fußball-WM 2014 und Olympia 2016 in Rio heizen die Investitionsfantasien zusätzlich an. Auch das Militärbudget wächst erstmals seit langem und weckt das Interesse der Rüstungskonzerne in Europa.

Seite 1:

Das neue Wunderland

Seite 2:

Seite 3:

Kommentare zu " Brasilien: Das neue Wunderland"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Was brasilien in seinen Mega-Metropolen am wenigsten braucht, sind noch mehr PKWs. Dagegen müssten Milliarden in moderne Nahverkehrssysteme investiert werden. Die Straßen sind so verstopft, dass man manchmal zu Fuß schneller vorankommt.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%