Brasilien in Aufruhr
Gegen alles und jeden

Hunderttausende Brasilianer protestieren – in den Städten kommt es zu Straßenschlachten. Doch gegen welche Missstände kämpfen die Demonstranten? Je länger die Protestwelle andauert, desto weniger sind sie sich einig.
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Rio de JaneiroUmgeworfene Autos, brennende Geschäfte und blutende Menschen – auch in dieser Nacht ist in Brasilien in Aufruhr. Massendemonstrationen legen die Großstädte lahm. Neben den drei wichtigsten Städten Brasília, São Paulo und Rio de Janeiro trifft es auch Salvador da Bahia, den Spielort des Fifa Confederations Cup, der gerade in Brasilien ausgetragen wird. Noch bevor Uruguay und Nigeria im „Estádio Fonte Nova“ gegeneinander antraten, liefern sich Demonstranten in Salvador da Bahia Straßenschlachten mit der Polizei. Schon am Vortag gab es vor dem Spiel Brasilien gegen Mexiko in Fortaleza zahlreiche Verletzte.

Ursprünglich richtete sich der Volkszorn gegen Fahrpreiserhöhung im öffentlichen Nahverkehr. Mittlerweile haben die meisten großen Städte die Preise wieder gesenkt. Doch die Proteste halten an. Und spätestens jetzt ist klar, das es um mehr geht. „Inzwischen hat jeder Demonstrant andere Motive“, sagt Marcelo Feller. Der Strafanwalt ist einer von 1800 brasilianischen Juristen, die willkürlich inhaftierten Demonstranten juristischen Beistand anbieten. Er kennt ihre Positionen gut: „Sie beklagen sich über Korruption, die steigenden Lebenshaltungskosten und staatliches Missmanagement.“ Doch Feller befürchtet, dass die Proteste erfolglos bleiben, wenn sie sich nicht konkretisieren.

Auch Cândido Grybowski, Leiter des renommierten Sozialforschungsinstituts Ibase, berichtet aus Rio de Janeiro über ein breites Spektrum an Klagen: „Schlechte Schulen, mangelhafte Gesundheitsversorgung und ein notorisch überlastetes Transportsystem.“ Dass sich der Volkszorn gerade an den Ticketpreisen für Bus und Bahn entzündet hat, überrascht Grybowski nicht: „Es ist das, worunter die Menschen täglich leiden.“

„Das Verkehrssystem in Brasilien steckt in einer extremen Krise“, analysiert die Urbanistin Raquel Rolnik von der Universität São Paulo. Mit einer wachsenden Bevölkerung und einer historisch niedrigen Arbeitslosenquote von unter sechs Prozent sind immer mehr Menschen täglich auf Mobilität angewiesen. Der Soziologe Grzybowski bestätigt: „Manche Kollegen brauchen heute zur Arbeit zwei Stunden, für denselben Weg haben sie vor fünf Jahren eine Stunde gebraucht.“

„Jahrzehntelang wurde praktisch nur in den Ausbau des Individualverkehrs investiert“, erklärt die Städtebauexpertin Rolnik. „Der Kollektivtransport interessierte die Politik nicht, weil nur die Armen ihn in Anspruch nehmen.“ Doch inzwischen sind die Straßen so verstopft, dass auch die Autos nicht mehr voran kommen. In São Paulo etwa ist die Zahl der Fahrzeug der zehn Millionen Einwohner der Kernstadt seit 2008 von 6 auf 7,5 Millionen gestiegen. Und trotzdem erzählt Anwalt Feller, dass er mit dem Auto noch dreimal so schnell ins Büro kommt als mit Bus und Bahn: 30 Minuten statt 1,5 Stunden.

Kommentare zu " Brasilien in Aufruhr: Gegen alles und jeden"

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  • ich sag nur: die Vollpfosten der EX-DDR Regierung haben auch geglaubt das sie alles machen können; und zack: war das Wunderland abgeschafft.

    Ich hoffe eigentlich, das die jeweiligen nationalen Bevölkerungen charakterlich wie Sternzeichen Stier sind: Geduld, aber wenn es knallt, dann knallt´s richtig.

    Es ist leider die einzige Sprache, die Verbrecher und Regierungen gleichermaßen verstehen. Da nehmen sich beide Kategorien nichts.

    Mit Walldorfschulenerziehung kann man hier nichts richten

  • schauen Sie sich die "Linken" in Deutschland an. Sehen Sie da einen Unterschied zu den anderen größenwahnsinnigen Parteien? M.E.n. besteht eine Partei aus 2 Ebenen: Parteisoldaten ( also die Deppen die glauben für eine gute Sache Plakate uneigennützig zu kleben ) und die Vorstände ( die meistens zu dumm sind eine Firma zu leiten und trotzdem über andere Personen bestimmen wollen; mit entsprechenden Bezügen). Letztendlich sind die allermeisten "oberen" Parteimitglieder macht - und geldgeil.

    Wenn dem nicht so wäre, würde es jedem Bundestagsmitglied einleuchten das man in den letzten 5 Jahren z.B. keine Diätenerhöhungen machen darf, die kalte Steuerprogression abzuschaffen ist und andere "Freundesländer" Deutschland in den meisten Fällen nur abzocken. Und dementsprechend auch abzustimmen ist. Aber nein: die PARTEIDISZIPLIN ruft.

    Wenn diese für jeden normaldenkenden Bürger ersichtlichen Fehler offensichtlich sind: warum werden diese Fehler nicht abgestellt ??!! Und zwar zügig zügig !!!

    Die Antwort kann man sich im gleichen Atemzug selber geben: wer glaubt, das es kommunistische und demokratische Länder gibt; ist nicht ganz bei Trost.

    Letztendlich sind es alle Diktaturen; auf die bessere und weniger bessere Art. Denn echter Kommunismus ( es gibt kein Land auf diesem Planeten das diese Bezeichnung verdient ) und echte Demokratie ( sehe ich eigentlich bestmöglich momentan nur in der Schweiz ) gibt es auf dieser Erde einfach nicht !

    Man soll sich einfach mal mit den Definitionen der einzelnen Bezeichnungen befassen; dann liegt das klar auf der Hand, meio..;-).

  • @G.N. :"Denken Sie nicht, dass die Gewalt zunächst von der Regierung gegen das Volk eingesetzt wurde, indem über die Köpfe der Menschen hinweg Beschlüsse getroffen wurden, die vom Volk ganz offensichtlich nicht gewollt sind?"

    Ein souveränes Volk beruft zwecks Ausarbeitung einer Verfassung eine Nationalversammlung ein und genehmigt das Ergebnis dieser Bemühung : Die Verfassung.
    In dieser Verfassung ist selbstverständlich ein Artikel zur Abhaltung einer Volksbefragung zu a l l e n Vorgängen von bedeutender politischer bzw. wirtschaftlicher Relevanz enthalten.
    Im genehmigten Grundgesetz ist eine Volksbefragung nicht vorgesehen. Warum wohl fehlt ein entsprechender Artikel ?
    Es ist somit zutreffend, dass in der Bundesrepublik in Fragen von existenzieller Bedeutung o h n e Referendum über diese Fragen (Ja/Nein) (ESM, Rettungen etc.etc.) "staatliche" Gewalt ausgeübt wird.
    Es ist allerdings zweifelhaft, ob in einem n i c h t
    souveränen Land (Schäuble in der Welt) der "fremde Wille" bürgerliche Gewalt gegen "einsame Beschlüsse" akzeptieren oder seinerseits durch Ausübung von (militärischer) Gewalt unterbinden würde.
    Das BVG ist ein "Gericht" des Systems Bundesrepublik und exekutiert somit auch den "fremden Willen".

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