Brasilien
Mit Gewalt und Korruption arrangiert

Die schlimmste Offensive der Mafia in der Geschichte Brasiliens hat das ganze Land alarmiert, von einem "Staat im Zerfall" ist die Rede. Tatsächlich ließ die Gewalteskalation einen seit Jahren schwelenden Konflikt in dem Land zu Tage treten: die Macht der organisierten Kriminalität, die Ohnmacht der Regierung und die Gleichgültigkeit der Elite.

SAO PAULO/DÜSSELDORF. Bisher waren die Zuständigkeiten geklärt: Politik und die Polizei kümmern sich um die Viertel der Mittel- und Oberschicht, in den Elendsvierteln, den Favelas, ist die Mafia der Souverän. Nun wurde diese Übereinkunft von der Politik einseitig gekündigt. In Sao Paulo in Haft sitzende Mafiabosse sollten in andere Hochsicherheitsgefängnisse verlegt werden, um ihnen die Kontrolle über ihre Getreuen, die sie bisher auch vom Gefängnis aus hatten, zu entziehen. Resultat war eine Gewaltwelle, wie sie das Land lange nicht erlebt hat.

In den vergangenen Tagen erlebte die brasilianische Handelsmetropole Sao Paulo eine Machtdemonstration der organisierten Kriminalität, die eigenen Geschäfte weiter ungestört verfolgen und vor allem die Privilegien der inhaftierten Bosse wiederherstellen wollte. Polizeiwachen der Stadt wurden von bewaffneten Banden mit Gewehren und Handgranaten angegriffen, später auch die Banken. Restaurants und Läden blieben geschlossen, Busse wurden in Brand gesetzt. Bewohner sperrten sich zu Hause ein, Eltern ließen am Arbeitsplatz alles stehen und liegen, um die eigenen Kinder aus Schulen oder Kindergärten "in Sicherheit zu bringen". In zwei Nächten starben mehr 100 Menschen. Die Mafia hatte ihr oberstes Ziel erreicht: Panikmache.

Die Regierung tat, was sie immer tat: Politiker schwangen betroffene Reden, drückten den Opferfamilien ihr Beileid aus und versprachen eine "harte Hand" gegen die Aufständigen. Und natürlich dementierte Gouverneur Claudio Lembo, dass erst ein neues Abkommen mit der Mafiagruppe „Erstes Hauptstadt-Kommando“ (PCC) wieder Ruhe in die Handelsmetropole einkehren ließ. Ein Punkt der Vereinbarung: Fernsehgeräte in den Gefängniszellen für die Zeit der Fußball-WM in Deutschland wurden versprochen.

Fotostrecke: Gewalteskalation in Sao Paulo

Doch trotz der schockierenden Bilder wird die Debatte bald wieder versiegen. Die Elite im Land hat sich längst an die permante Bedrohung vor ihrer Haustür gewöhnt. Normalerweise bekommen die Bürger der Mittel- und Oberschicht von Gewalt und Misere in den Favelas kaum etwas mit. Die Bevölkerung hat sich mit der jährlich zunehmenden Kriminalität mehr oder weniger resigniert abgefunden. Mehr als 240 Hubschrauberlandeplätze sind auf den Dächern der Stadt verteilt, damit die Reichen dem Smog und Elend der Straßen möglichst wenig ausgesetzt sind.

Wer keine Hausangestellte hat, ist anders

Zwar prangern besser situierte Familien mit sozialem Bewusstsein die Verhältnisse im Land während des gemeinsamen sonntäglichen Mittagessens regelmäßig an. Doch wollen auch sie nicht auf den Komfort verzichten, den ihnen die riesige Kluft zwischen Arm und Reich beschert. Eine Hausangestellte, die rund um die Uhr für wenig Geld putzt, kocht, wäscht und bügelt - was selbst für gut verdienende Europäer undenkbar ist, gehört in Brasilien dazu. Wer keine "empregada" aufweisen kann, gilt als arm oder anders. Dass diese Frauen teils in den Orten leben, die als Hort der Gewalt ausgemacht werden, stört ebenfalls wenig. Die Hausangestellten teilen so tagsüber den Luxus ihrer Arbeitgeber, nachts schlafen einige von ihnen Tür an Tür mit den Männern, die ihre Brötchengeber am meisten fürchten: Einbrecher, Diebe, Drogenhändler.

Die Macht und die finanziellen Mittel der Drogenmafia und nicht zuletzt deren Verwicklung mit Polizei und Politik geht im heutigen Brasilien weit über das Ausmaß der siebziger Jahre hinaus, wie es noch in dem Film „Cidade de Deus“ portraitiert wurde. Heute handelt es sich um große, hierarchische Organisationen, die sich in jeder Favela unter einem Chef organisieren und große Teile der Kinder und Jugendliche rekrutieren.

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