Brasilien
Raue Sitten vor der Stichwahl

Brasiliens Präsident Lula da Silva bangt um sein politisches Erbe, weil die sicher geglaubte Wahl seiner Parteigenossin Dilma Rousseff im ersten Durchgang deutlich scheiterte. Nun mischt sich Lula stärker in den Wahlkampf ein, in dem der Umgang mit dem politischen Gegner deutlich rauer geworden ist.
  • 0

SAO PAULO. Nach rund zwei Monaten Dauerwahlkampf liegen in Brasilien die Nerven in den gegnerischen Lagern blank. Dilma Rousseff, die Wunschnachfolgerin des scheidenden Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva, geht zwar als Top-Favoritin in die Stichwahl am Sonntag (31. Oktober). Oppositionskandidat José Serra rechnet sich dennoch Chancen auf einen Wechsel aus. Er erinnert an die erste Runde am 3. Oktober. Auch da hatten Umfragen Dilma Rousseff eine absolute Mehrheit prognostiziert und weit daneben gelegen.

Nach dieser Enttäuschung schaltete sich Lula, trotz Kritik auch aus den eigenen Reihen, noch stärker in den Wahlkampf ein. Er war in den vergangenen Wochen nahezu omnipräsent. Es geht um sein politisches Erbe, und das will er nur in die Hände seiner Parteigenossin und Ex-Kabinettschefin Dilma Rousseff legen, die bei einem Sieg die erste Präsidentin des weltweit fünftgrößten Landes wäre. In der Endphase des Wahlkampfes ist der Ton merklich rauer geworden. Auch die Stimmung bei den Anhängern ist aufgeheizt.

Rousseff konnte vorige Woche bei einer Veranstaltung nur knapp einer Wasserballon-Attacke ausweichen. Serra, der Ex-Gouverneur des reichen Bundesstaates São Paulo, hatte weniger Glück. Er wurde bei einem Wahlkampfauftritt in Rio mit einem Gegenstand beworfen und am Kopf getroffen. Lula hingegen sprach von einer "unverschämten Lüge" und einer Farce. Serra habe den Vorfall fingiert, um beim Wähler zu punkten. Das Serra-Lager konterte und sprach von Stoßtruppen der gegnerischen Arbeiterpartei (PT), die sich "faschistischer Methoden" bedienten.

Inhaltliche Argumente sucht man dagegen oft vergebens. In den Radio- und TV-Spots geht es vor allem um Emotionen, und die dürften zum Finale weiter hochkochen. Umfragen sahen Rousseff zuletzt bei 56 Prozent und Serra, den Oppositionsführer der Sozialdemokratischen Partei (PSDB), abgeschlagen mit zwölf Punkten Abstand bei 44 Prozent. In der ersten Runde betrug die Differenz zwischen beiden Kandidaten 14 Prozentpunkte.

Seite 1:

Raue Sitten vor der Stichwahl

Seite 2:

Kommentare zu " Brasilien: Raue Sitten vor der Stichwahl"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%